Ach, Mutter … davon verstehst du nichts

 

Der kleine Junge lag seit Stunden schon in seinem Bett.  In der kleinen Kammer, die er sich mit seiner Mutter im Obergeschoß des alten Fachwerkhauses teilte. Er lauschte dem rascheln der Mäuse in den Lehmwänden und dem fiepen der hungrigen Eulenküken über ihm im Dachgebälk. Der Schlaf hatte bereits ein paar Mal zu ihm hereingeschaut, aber er wußte wohl, daß der Kleine sich noch nicht in seinen schützenden Armen verkriechen konnte. Erst wenn das vertraute knarren der dritten und siebten Treppenstufe unter den Füßen seiner Mutter leise durch die Wand zitterte und anschließend fast unhörbar die Tür zu ihrer Kammer geöffnet wurde, rutschte er aus der Wachsamkeit in den Schlummer. Es war jeden Abend das gleiche Spiel. Solange er die Mutter in den unteren Räumen hantieren hörte wußte er, daß zumindest einer seiner Brüder von irgendwelchen Unternehmungen, von denen sie zumindest in seiner Gegenwart nichts berichteten, noch nicht zurückgekehrt war. Erst wenn dem vertrauten Klopfen an den Fensterläden und dem Knarren des großen Tores im Erdgeschoß, durch die Fugen und Ritzen des Gemäuers ziehender Duft von auf Speck gebratenen Eiern und siedenden Pferdewürstchen folgte, dann waren alle im Hause.

So war es auch an diesem späten Abend, wie so häufig in der Vergangenheit.

Zusammen mit den Essensdüften drang von unten herauf mal helles, mal dunkles Stimmengemurmel durch die hölzerne Decke zu ihm in den kleinen niedrigen Raum. Wenn im Einzelnen auch nicht sehr viel zu verstehen war, wusste er doch meist, um was es sich in den Gesprächen, da unter ihm in der weiträumigen verräucherten Küche, drehte. Und jedesmal wenn der Satz: „Ach, Mutter – davon verstehst Du doch nichts!“ aus dem Munde des Älteren seiner Brüder wegen der erhobenen Stimme hell zu ihm herauf in die Dunkelheit seiner Ängste drang, wußte er, gleich ist das Reden da unten zu Ende. Die Mutter hatte sich wieder einmal dem Diktat des vermeintlich Stärkeren gefügt – so wie es in der Familie immer geschah, wenn man ihr weismachen wollte, sie würde etwas nicht verstehen. Und jedesmal wußte er, wenn die Mutter – besorgt darum ihn nicht zu wecken – sich geräuschlos und in völligem Dunkel für die Nacht zurechtgemacht und sich neben ihn in ihr Bett gelegt hatte, würde er ihr leises Weinen hören. Ihr leises Weinen aus Verzweiflung über ihre Unterwürfigkeit – und darüber, das sie tatsächlich nicht verstand, warum ihre Söhne so handelten wie sie handelten – obwohl sie als Mutter ihnen doch etwas völlig anderes vorgelebt zu haben glaubte.

Als ehrlicher, gottesfürchtiger Mensch hatte sie von Kindesbeinen an versucht ihr Leben zu meistern. Kein Hungernder der an ihre Tür klopfte, blieb hungrig – keinen Dürstenden der ihr begegnete, ließ sie dürstend seines Weges ziehen – keinem Obdachlosen versagte sie den Schutz unter ihrem Dach. Darin ruhte ihr seelischer Reichtum, aber darin wurzelte auch ihre Schlichtheit an materiellem Besitz.

In den entscheidenden Momenten unterwarf sie sich immer den Menschen, die zu ihrem eigenen Vorteil zuzugreifen verstanden.

Sie war sonst dem Schicksal gegenüber sehr stark – nur da war sie schwach. Diese Schwäche jedoch zu ertragen, das war wahrscheinlich ihre größte Stärke. Das wurde dem kleinen Jungen, der oft des Nachts ihr leises Weinen hörte, aber erst sehr viel später bewußt.

Jetzt sah er nur das schräge Tun seiner Brüder und spürte das erfolglose Mühen der Mutter eine Antwort auf die Frage zu bekommen: Was habe ich nur falsch gemacht?

 

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