Kopfnicken – und die Folgen …

 

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, mich in einen Aktenberg vertiefen zu dürfen. Es war eine Verfahrensakte, der es eigentlich hätte schwindelig sein müssen vom vielen rotieren zwischen den Ämtern und Gerichten.

Ich dachte so bei mir, nur gut, daß Papier nicht kotzen kann – sonst hätte ich ja nichts mehr von dem darauf geschriebenen lesen können.

Nicht, daß es da um geklautes Geld oder unrechtmäßig erworbene Immobilien ging. Der Aktenberg drehte sich auch nicht um einen Vergewaltigungs-, Mord- oder Totschlags-tatbestand, so wie er gemeinhin in Deutschland von nüchternen Juristen definiert wird.  

Es handelte sich also nicht um Dinge, die man anhäufen kann, oder bei denen man das Blut fließen sehen konnte.

Das geschriebene in diesem Papierberg drehte sich ganz einfach um den Wunsch einer Mutter, für ihr behindertes Kind wieder Mutter sein zu dürfen. So wie sie es 24 Jahre lang gewesen war.

Ich habe mit Erschrecken festgestellt, daß in Deutschland sehr viele Menschen sehr viel gegen die Erfüllung eines solch natürlichen Wunsches haben. Sie alle verstecken sich allerdings ganz passabel hinter Ämtern und Behörden-bezeichnungen.

Aus welchen Gründen das auch immer sein mag.

Als ich mich, immer schön der Reihe nach, durch den Blätterwald mühte, bemerkte ich nach einer Weile, daß es im Grunde stets der gleiche Baum war, der sich dem Begehren der Mutter in den Weg stellte.

Die Unfähigkeit der Mutter ihren Sohn sohngerecht zu betreuen mache die Bestellung eines Berufsbetreuers und die Unterbringung in einer stationären Einrichtung unumgänglich.

Es ist doch immer wieder tröstlich, zu erfahren, daß Menschen in Ämtern und Behörden nach der relativ kurzen Zeit von 24 Jahren von einer solchen Erkenntnis heimgesucht werden, und das schaffen sie auch noch ohne neutrale, von außen geschehende Begutachtung.

Wieviel Kompetenz doch in den Köpfen der Entscheider vorhanden ist. Oder ist es vielleicht eher das Bestreben nach eigener Sicherheit und Machtfülle? Machtfülle insofern, daß man über andere bestimmen kann – und Sicherheit unisono, weil man dieses bestimmen können ja auch noch gut bezahlt bekommt.

Eine richterliche Bemerkung in diesem Wirrwarr von Texten hat mich dann doch sehr nachdenklich gestimmt:

Dem Wunsch des Betroffenen müßte in einem solchen Verfahren Rechnung getragen werden. Irgendein Wunsch sei im vorliegenden Fall aber nicht erkennbar, weil der Betroffene nur nicke.

Als ich das las, tat sich mir eine ungeheuere Vorstellung auf:

Wenn ein solches Denken Teil der Entscheidungsrichtlinie ist, dann bleiben nur zwei Möglichkeiten – entweder stellt man einen großen Teil der deutschen Parlamentarier auch unter die Aufsicht von Berufsbetreuern, weil die ja auch nur mit dem Kopf nicken, wenn es um Entscheidungen geht – oder aber der Betroffene – um den es in diesem Fall geht – gehört nicht unter Betreuung gestellt, sondern ins Parlament.

 

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Die Geschichte der Mama O.

 

Für mich begann die Geschichte mit einem Anruf nach einer Sendung, in der die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom bei mir im Studio zu Gast war.

Diese Mutter hatte von den Widrigkeiten berichtet, die ihr, auf Grund der „Behinderung“ ihrer Tochter, von Institutionen und Behörden in den Weg gelegt wurden.

 

Die Anruferin war durch das im Radio gehörte ermutigt worden. Sie hatte sich ein Herz gefasst, und spontan zum Telefonhörer  gegriffen, bevor sie der Mut, den sie plötzlich spürte, wieder verlassen würde.

Mutlosigkeit und Verzweiflung waren mittlerweile zu den bestimmenden Elementen ihres Alltags geworden.

 

Eines ihrer Kinder war nämlich 24 Jahre zuvor auch mit dem berüchtigten Quentchen zuviel – dem doppelten Chromosom 21 – vom Schöpfer bedacht worden.

Was der alte Herr sich dabei denkt, wenn er so etwas macht, werden wir wohl nie ergründen können.

 

Die Sache, mit dem Chromosom 21 bei ihrem Sohn, hat sie nie aus der Bahn geworfen. Sie hat das „Anderssein“ ihres Kindes von Geburt an akzeptiert. Über die anfänglich „schiefen“ Blicke der Nachbarn hat sie hinweggesehen – über die „schrägen“ Anspielungen im Kollegen- und Bekanntenkreis hat sie hinweggehört. Obwohl - leicht war es wahrlich nicht immer, zumal die „Naserümpfenden“ sich mit ihrer Ansicht auf der richtigen Seite sahen.

Wie konnte sich eine 43 jährige, ledige Mutter zweier schon großer Töchter auch erdreisten, noch ein Kind in die Welt zu setzen. „Man“ wußte doch allgemein, daß „so etwas“ nicht gut gehen konnte.

 

Das alles hatte sich aber relativ schnell gelegt. Die Fürsorge, mit der sie fortan ihren Sohn umgab, bewirkte ein Umdenken in ihrer Umgebung. Zumindest scheinbar.

Scheinbar deshalb, weil ihr Lebensgefährte – der Vater ihres Kindes – eines Tages Abstand von ihnen nahm. Er trennte sich von ihr, und dem gemeinsamen Sohn.

Der Druck und die Ablehnung, die von einer ihrer Töchter ausgingen, waren für ihn unerträglich geworden.

Auch das hat sie als Schicksal angenommen, und ihren Sohn künftig alleine umsorgt. Sie war plötzlich eine allein erziehende, berufstätige Mutter – wie es im neudeutschen Sprachgebrauch so schön heißt.

 

Alles hat sie alleine gemeistert. Ihre beiden Töchter aus einer früheren Verbindung gingen nämlich mittlerweile ihre eigenen Wege. Auch das zusätzliche, jahrelange „sich kümmern“ um die eigene Mutter, die im hohen Alter intensiver Pflege bedurfte, zwang sie nicht in die Knie.

 

Das Leben im kleiner gewordenen Familienkreis lief seinen gewohnten Gang. Der Sohn wurde größer, die Mama wurde älter, und sah schon ihrem Ruhestand entgegen.

Als die Großmutter starb, wurde die Gemeinschaft noch kleiner.

Jetzt hatte sie noch mehr Zeit für den Sohnemann.

 

Der junge Mann, der er mit seinen 18 Jahren geworden war, benötigte nun einen Betreuer. Juristisch gesehen, gesetzmäßig. Damit auch alles seine Ordnung hat.

In Ordnung, Gesetz ist Gesetz – dachte die Mama, und ließ sich vom zuständigen Gericht als Betreuerin für ihren Sohn bestellen.

Es würde sich ja im täglichen Leben nichts ändern – außer, daß eine Akte angelegt, und sich die Papierberge häufen würden.

Und wieder lief alles seinen gewohnten Gang. Scheinbar.

 

Die Mama war sich gar nicht der Tatsache bewußt geworden, daß sie in der Beziehung zu ihrem Sohn in die zweite Reihe verfrachtet worden war. Ein Amt hatte den Platz in der ersten Reihe für sie eingenommen.

Klar wurde es ihr erst, nachdem sie die Unbilden eines Wohnortwechsels auf sich genommen hatte. Mit dem Umzug in einen anderen Ort wollte sie dem Sohn seinen gewohnten Freundeskreis erhalten. Mit Beendigung der Schulpflicht geriet er wegen ihres Wohnortes in den Zuständigkeitsbereich einer anderen Behinderteneinrichtung. So entschloß sie sich – ihrem Sohn zuliebe – mit ihm umzuziehen.

 

Auf  den Rat der Mitarbeiter ihrer Krankenkasse hin nahm sie das erste Mal in ihrem gemeinsamen Leben Urlaub von der Betreuung, um den Umzug in Ruhe bewerkstelligen zu können.

Für den Sohn wurde während dieses Zeitraumes eine Kurzzeitpflege in einer stationären Einrichtung bewilligt.

 

Der Umzug ging über die Bühne, und mit jedem Stück Möbel, welches in das neue Heim verfrachtet wurde, wuchs die Freude auf das „wieder Beisammensein“ in der neuen Bleibe.

Wie heißt es aber so treffend in einem bekannten Schlager: „Freu dich nur nicht zu früh …“

Es blieb nämlich bei der Vorfreude. Nix war mit „wieder Beisammensein“ im neuen Heim. Die Tochter, die auch schon den Vater des Halbbruders vertrieben hatte, setzte mit gezielten Verleumdungen den Behördenapparat in Gang.

Es war für ihr „gekränktes Ego“ die willkommene Gelegenheit vermeintlich offene Rechnungen mit der Mutter zu begleichen.

Eifrige Behördenvertreter(innen) griffen bereitwillig diese Vorwürfe auf. Sie handelten ganz im Sinne der gekränkten Tochter. Da gab es ja viel für sie zu tun, und sie konnten auf leichte Art die Existenzberechtigung ihrer Dienstposten nachweisen.

Es wurde amtlicherseits bestimmt, daß der Sohn künftig in der stationären Einrichtung seinen ständigen Aufenthaltsort erhielt.

Es sei an der Zeit, tönte es aus „berufenem Munde“, das  Mutter – Kind Verhältnis zwischen der Betreuerin und dem Betreuten in ein Mutter - Sohn Verhältnis umzuwandeln.

Dieser Wechsel könne sich nur in einem Behinderten- wohnheim vollziehen, und nur durch den Wechsel in der Betreuung.  Ein Berufsbetreuer wurde für ihren Sohn bestellt.

Und damit Basta.

So entschied es die scharfkantige Richterin am zuständigen Gericht, nachdem sie die Argumente der Tochter, der Amtsvertreter und Heimbetreiber genügend gewürdigt hatte.

Und noch eines hat die „ehrwürdige Frau Richterin“ getan – sie hat in der „Sache“ entschieden, ohne die Mama anzuhören.

Die schriftliche Ladung zur richterlichen Anhörung erreichte die Mutter erst, als „Ihre Gnaden“ schon entschieden hatte, zu entscheiden.

Nicht daß jetzt irgendjemand irgendwem eine böse Absicht unterstellt – das war ganz sicher nur eine Schlamperei innerhalb der Geschäftsstelle. Es kann ja schon mal passieren, daß die untergeordneten Angestellten eines Gerichtes mit einer galoppierenden Richterin nicht Schritthalten können.

 

Leicht Schritthalten mit der Sachwalterin des Rechts konnte aber der umgehend bestellte Berufsbetreuer – denn, noch bevor die Mama von der richterlichen Entscheidung Kenntnis erhielt, erhielt sie eine Eilentscheidung des Berufsbetreuers.

Der gute Mann hatte nichts Wichtigeres zu tun, als der Mutter mitzuteilen, sie dürfe aus stichhaltigen Gründen ihren Sohn nur noch dreimal die Woche – und zwar unter der Aufsicht von Heimmitarbeitern – für jeweils zwei Stunden besuchen. Und wieder hieß es Basta.

 

Diese sog. „stichhaltigen Gründe“ entpuppten sich in den folgenden, endlos scheinenden, Widerspruchsverfahren als an den Haaren herbeigezogene Anschuldigungen und Argumente. Zum Teil stammten sie von der Person, die aus ihrer persönlichen Vergangenheit heraus meinte, der Mutter etwas heimzahlen zu müssen. Jetzt war die Gelegenheit dafür gekommen.

Sie verbündete sich mit denen, die, aus verschiedenen anderen Beweggründen heraus, daran interessiert waren, den Sohn in einer stationären Einrichtung zu belassen.

Unterstützung und Hilfe in ihrem Bemühen, ihren Sohn wieder in sein Zuhause zu holen, erhoffte die Mama sich von diversen Advokaten – von Anwälten des Rechts, wie sie dachte.

 

Außer, daß ihr für jeden Federstrich der Juristen gepfefferte Gebührenrechnungen in die Stube flatterten, tat sich aber nichts. Am Ende hörte sie jedesmal nur ein tiefes Bedauern, und die Aussage: „Es hat keinen Zweck, da ist nichts zu machen.“

Einzig ein Rechtsanwalt im Ruhestand – selber Vater eines  Kindes mit Down Syndrom, zu dem ihr ein Bekannter den Kontakt vermittelte – machte sich die Mühe, dem Vormundschaftsgericht das Geschehen ausführlich, und verständlich, darzulegen. Dieses Licht in ihrem dunklen Alltag verlosch leider kurz darauf wieder – der Anwalt verstarb.

 

Die Mutter war inzwischen mit ihren Kräften am Ende. Die Art und Weise, in der man sie überall behandelte, ließen ihre Nerven barfuß über Scherben gehen.

 

Als neurotisch und querulantisch abqualifiziert, begegnete man ihr allerorts, als wäre sie Luft. Der richterlich bestellte Verfahrenspfleger – natürlich auch ein niedergelassener Anwalt der Rechte – ließ, wohl versehentlich, einmal die Hosen runter, als er in einem Schriftsatz an das Gericht die „ständigen Widersprüche“ der Mutter gegen die Amts-entscheide als Begründung für deren Untauglichkeit als Betreuerin anführte. (Wo kommen wir mit dem Staat denn hin, wenn von amtlicher Seite tatenlos zugesehen wird, wie einfache Bürger anfangen zu denken – und dann gar noch widersprechen)

Es ging soweit, daß im Heim, während ihrer Besuche bei ihrem Sohn, das Personal nicht mehr mit ihr sprach.

Eher das Gegenteil war der Fall – sie wurde unablässig von misstrauischen Augen beobachtet, als wenn sie jeden Moment silberne Löffel stehlen wolle.

Unterschwellig wurde der Mutter sogar unterstellt, mit ihrem Sohn eine sexuelle Beziehung unterhalten zu haben.

 

Das Beschwerde- und Entscheidungshin und -her zwischen Betreuungsamt, Amts-, Land- und Oberlandesgericht gipfelte letztendlich in der Ablehnung, der Forderung der Mutter auf Wiedereinsetzung als Betreuerin, durch die angerufene Kammer. Der Kammervorsitzende schickte dem lapidaren „NEIN“ freundlicherweise noch die Erklärung hinterher, daß eine weitergehende Beschwerde gegen die Entscheidung zwar zulässig, aber wegen der klar dargelegten formal-juristischen Ausführungen des zuständigen Amtsgerichts völlig aussichtslos sei.

 

Genau in diese Kerbe schlug dann auch der letzte Rechtsanwalt, den sie mit der Wahrnehmung ihrer Interessen betraut hatte. Er sagte ihr wörtlich: Die ganze Sache ist juristisch ausgereizt. Es bleibt für sie nur noch, meine Bemühungen auszugleichen. Die Rechnung wird ihnen zugeschickt.

 

Das hat die Mama dann auch getan, als sie die Liquidation erhielt, denn jede Arbeit ist schließlich ihres Lohnes wert.

Sie hat aber auch noch etwas anderes getan – und zwar etwas, von dem sie während der lange währenden Auseinander-setzungen nicht den Schimmer einer Ahnung besaß.

Wer hätte es ihr auch sagen sollen – Rechtsanwälte besitzen davon ja anscheinend keine Kenntnisse.

 

Die Mama hat sich in ihrer Not, und am Ende ihrer Kräfte, mit einer Beschwerde gegen die Bundesrepublik Deutschland an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straß-burg  gewandt.

Und siehe da – fast wäre man geneigt zu sagen, es geschehen noch Zeichen und Wunder – der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat den Hilferuf gehört, und ihre Beschwerde zur Entscheidung angenommen.

 

Mir bleibt vorerst nur noch zu sagen: Schauen wir mal, was dabei herauskommt.

 

 

Die Geschichte der Mama O. –

die Fortsetzung …

 

Ein gutes halbes Jahr ist verstrichen, seitdem die Straßburger Richter des EuGH die Beschwerde der Mama O. gegen Deutschland zur Entscheidung angenommen haben. Das ist keine Zeit über Gebühr, und eine Entscheidung in der Sache wird auch noch ein Weilchen auf sich warten lassen, denn der EuGH kann die Flut der Klagen und Beschwerden, die auf ihn zukommen, fast nicht mehr bewältigen. Es ist, besonders in Deutschland, schlecht bestellt um die Gerechtigkeit gegenüber den Bürgern. Trotzdem sollte jeder Betroffene diesen letzten Schritt wagen, und das europäische Gericht anrufen. Der Bescheid, ob der Gerichtshof eine Beschwerde als verhandlungswürdig betrachtet, läßt in der Regel nicht lange auf sich warten. Im Falle einer positiven Nachricht heißt es dann allerdings, sich in Geduld zu üben. Die Hoffnung ist da aber eine kräftige Hilfe. Soviel zu dem Grundsätzlichen.

Fernab in Straßburg – im europäischen Mekka der Gerechtigkeit - hat sich also in der Sache der Mama O. erkennbar noch nichts getan.

Nahbei in Friesland – in der Hochburg der Leichtentscheider hat sich hintergründigvordergründig aber so einiges bewegt.

Vermutlich hat man im Südwind geschnuppert, daß sich im Elsaß etwas tut.

Das Verhalten der Heimangestellten, der Mama O. gegenüber, änderte sich spürbar. Plötzlich war sie nicht mehr nur noch Luft, sondern wurde beachtet, und sogar nach ihren Wünschen gefragt.

Als nächstes wurde ihr vom Gericht zur Kenntnis gegeben, daß ein Wechsel in der Betreuung stattgefunden habe.

Der Berufsbetreuer, mit dem Hang zum Bastagebaren, war wohl doch nicht das Wahre gewesen.

Das Gericht hätte zum Wohle des Betreuten eine persönliche Betreuerin bestellt.

Sieh einmal einer an.

Mama O. hat sich dann gedacht, wenn Hausfrau Klärchen Meyers Fähigkeiten zur Betreuung meines Sohnes ausreichen, dann werden es meine Fähigkeiten als Mutter doch auch wohl sein.

Also stellte sie erneut einen Antrag auf Rück- oder zumindest Teilrückübertragung der Betreuung für ihren Sohn.

Ihr Antrag an das Gericht bewirkte eine Einladung, zu einem Gespräch mit der Leiterin des Betreuungsamtes, weil der Richter, der inzwischen auch ein anderer war, den zuständigen Landkreis zu einer Stellungnahme aufgefordert hatte.

Es war deutlich zu erkennen, daß die Einladung nur darauf gerichtet war, die Mama O. zu bewegen, ihren Antrag zurückzunehmen. Wörtlich klang das so: „Liebe Frau O., es wäre für Alle das Beste, wenn sie ihren Antrag zurücknehmen – dann brauchen wir auch keine Stellungnahme zu verfassen.“

Wie schön, habe ich da nur gedacht.

Das hat die liebe Frau O. natürlich nicht getan. Als Reaktion auf die Standfestigkeit räumte ihr die Betreuungsamtsleiterin plötzlich erweiterte Freiheiten im Umgang mit ihrem Sohn ein, machte ihr jedoch unterschwellig den Vorwurf, sich zu strikt an die rigorosen Vorgaben des, nun ja geschassten, Berufsbetreuers gehalten zu haben.

Das Gericht bekam trotzdem nur eine modifizierte Abschrift irgendeiner alten Stellungnahme der Leiterin. Einen amtlichen Bescheid auf ihren Antrag hat die Mama O. vom Gericht nach nun über vier Monaten noch nicht bekommen, aber das kann ja noch werden.

Etwas anderes ist in der Zwischenzeit aber geworden. Der Sohn zieht um. Mama O. hatte in der Nachbargemeinde eine neu entstehende Wohnstätte, für Menschen mit Behinderung, entdeckt. Die werdende Einrichtung ließ gleich ihr Herz höher schlagen.

Am selben Tag noch schrieb sie dem Gericht davon, und bat den Richter, doch einem Umzug ihres Sohnes in die neue Wohnstätte zuzustimmen. Mehr tat sie nicht. Das übrige geschah wie von selbst.

Die Betreuerin stellte daraufhin den gleichen Antrag, und kündigte das alte Wohnverhältnis, der Rechtspfleger befürwortete die Veränderung, genehmigte sie, und überreichte der Mama O. noch ein Präsent, indem er die Betreuung für ihren Sohn durch die bestellte Betreuerin als nur auf die rechtlichen Dinge beschränkt, bezeichnete. Im Umgang mit ihrem Sohn hätte sie in allen anderen Dingen freie Hand. So etwas zu hören, hat  Mama O. natürlich gefreut.

Wir werden die Entwicklung weiterhin aufmerksam verfolgen.

 

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Plötzlich brach ihre Welt zusammen …

 

Ein junges blühendes Mädchen erfreute sich an ihrem Leben. Sie konnte wohl nicht so gut hören wie andere, vielleicht – aber was machte das schon.

 

In ihrer frühen Kindheit hatte sie durch irgendeinen Umstand eine Gehörschädigung erlitten, die zu spät erkannt wurde. Wie so vieles in unserer Gesellschaft zu spät erkannt wird.

 

Das lernen in der Schule ging, als Folge davon, bei ihr etwas langsamer voran. Nicht daß jetzt gleich jemand denkt, sie wäre durch diesen Umstand schwer benachteiligt, oder gar geistig behindert  – weit gefehlt dieses Denken.

Bei ihr lief das begreifen nur etwas langsamer ab. Und wie es so ist im Leben, was langsamer und bedächtiger vor sich geht, das gerät auch nicht so leicht ins stolpern.

Andererseits blieb ihr sicherlich so manche Unbill dadurch erspart. Der Straßenverkehr erschien ihr nicht so laut – die Flugzeuge vom nahen Düsseldorfer Flughafen lärmten für sie weniger schrecklich, und wer mit ihr redete, der sprach dann eben ein kleines bißchen lauter – wenn es sein mußte. Meistens mußte es nämlich gar nicht sein – denn mit dem verstehen der leisen Töne hatte sie seltsamerweise überhaupt keine Schwierigkeiten.

 

Die Großeltern, bei denen sie aufgewachsen war, und die sie auch jetzt noch begleiteten – und halfen, wenn sie mal irgendwo nicht so leicht mit klar kam – die wussten das. Ihre Freunde, und die Freunde der Familie, die wussten das auch.

Nur die Mitarbeiter des Jugendamtes – die ständig im Hintergrund herumfuhrwerkten, die wussten das scheinbar nicht. Brauchten sie aber auch nicht zu wissen, denn sie war ja bei ihren Großeltern gut aufgehoben.

Irgendwann am Ende ihrer Jungmädchenzeit verliebte sie sich in einen jungen Mann. Was ja ganz natürlich ist. Es erging ihr genauso, wie es anderen jungen Frauen auch ergeht. Die Liebe fragt nämlich überhaupt nicht danach, ob jemand gut, oder nicht so gut, hören kann – sie kommt sowieso auf leisen Sohlen daher. Sie macht auch keinen Test, ob derjenige, den sie glücklich machen will, den Namen des dritten Kaisers von China kennt.

Mit siebzehn wurde sie schwanger. Was auch natürlich ist, wenn Menschen zweierlei Geschlechts sich lieben. Ihren achtzehnten Geburtstag feierte sie gemeinsam mit ihrem Liebsten, mit ihrer Familie, und mit dem werdenden Leben in ihrem Bauch. Alle freuten sich mit ihr auf den Nachwuchs. Es war der schönste Geburtstag in ihrem Leben.

Zumal ja an diesem Tage das Jugendamt sich sein Mitspracherecht an ihrem Leben sich irgendwo hinstecken konnte. Wobei man sich manchmal fragt, ob das „Jugendamt“ überhaupt so etwas hat, wo es sich solche Dinge hinstecken kann.

Na, das ist ja auch egal. Auf jeden Fall müssen die Amtsleute über ihren „es zu sagen haben“ Verlust  ganz schön wütend geworden sein – denn, was sie dann taten, ist nicht anders zu erklären, als das sie vor Wut blind waren.

Oder waren sie vielleicht doch nicht blind, sondern nur ein ganz klein wenig den Talern zugeneigt, die verzweifelte kinderlose Ehepaare schon mal einfach irgendwo so herumliegen lassen? Das ist nicht zu glauben, weil sie doch dem Wohl der Kinder verpflichtet sind, meint ihr?

Da drängt sich denn doch so spontan die Frage auf, welcher Kinder Wohl sie wohl im Auge haben.

Die Eile, und die Art und Weise, in der sie sofort nach der Niederkunft und Entbindung, der nun volljährigen Mutter, zu Werke gingen, läßt so viele Deutungen zu, wie in einem Versandhauskatalog Artikel aufgeführt sind.

Drei ganze Tage schien für die junge Mutter und ihrem Sohnemann die Sonne. Mit ihrem Sonnenschein in den Armen wollte sie am dritten Tage heim zu ihren Großeltern, damit sie sich alle gemeinsam an dem hellen Licht erfreuen konnten.

Am Morgen der Entlassung von der Wöchnerinnenstation ließ der zuständige Arzt plötzlich Nebel auf die strahlenden Gesichter fallen.

Sie könne ihren Sohn nicht mit nach Hause nehmen – er habe Gelbsucht. So hieß es. Die würde bei Säuglingen schon mal auftreten.

Nur Stunden später entpuppte sich die Krankheit aber als etwas ganz anderes.

Am Wöchnerinnenbett, in der Klinik, erschienen amtsab-gesandte Herolde in ihren noblen Trachten, und verkündeten im Namen des Volkes die Beschlagnahme des Kindes, und die Zuführung in andere Hände.

Die „anderen Hände“ waren praktischerweise auch gleich anwesend. Als wenn man vorsichtshalber vorher noch sehen wollte, was man sich einhandelte. Wer kauft schon gerne „die Katze im Sack“?

Was nicht anwesend war, oder der jungen, volljährigen  Mutter nicht ausgehändigt, oder zumindest gezeigt wurde, das war ein obrigkeitlicher Beschluß - eine Anordnung, oder dergleichen.

Dazu ließen sich die Herolde erst Tage später herab. Denn – wer ist man denn!

Einen Handel schlugen die amtlichen Herolde seltsamerweise aber doch noch vor: Wenn die junge Mutter sich mit ihrem Kind gemeinsam in ein Heim begäbe, dann würde man von der Wegnahme absehen, man handele schließlich stets menschlich.

Sogar eine geistig Behinderte sollte das erkennen können. Halleluja!

Sie müsse sich allerdings auf der Stelle entscheiden, weil im Hintergrund die „anderen Hände“ schon ungeduldig herumtrippelten

Sich so spontan zu entscheiden, das könne doch nicht so schwer sein, auch wenn sie das Heim nicht kennen würde – der Richter hätte ja auch auf der Stelle entschieden, obwohl er sie und ihre Lebensverhältnisse überhaupt nicht kenne.

Eine äußerst einleuchtende und treffende Logik, nicht wahr.

Und sowieso – eine Mutter die nicht gut hören kann, die stellt automatisch auch eine Gefahr für ihr Kind dar. Das weiß doch jeder Anfänger in Sachen Sozialarbeit.

Wenn man diese einfache Regel nicht strikt befolgen würde, dann hätten viele Amtsherolde bald nichts mehr zu tun…

… und irgendwie müssen die Heime doch auch voll werden.

 

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