Die zehn Gebote

 

Ich bin der Herr euer Gott

so klang es grollend vom Berge

aus weißer und blitzender Wolke

keiner von euch sei des anderen Scherge

bestimmte der Herr seinem Volke

 

Drauf sah jeder das erste Gebot

mit glühendem Finger in den Stein getrieben:

Ihr sollt keine anderen Götter neben mir haben

stand dort sichtbar für alle

und für ewige Zeiten festgeschrieben

 

Die Glut schmolz weiter in den Fels Zeichen und Runen

als zweites Gebot

Ihr sollt meinen Namen nicht entehren

ich werd’ euch nicht das Lügen

das Fluchen und Trügen verwehren

das braucht ihr als schwaches Menschengetier

doch meinen Namen den haltet gefälligst da raus

sonst werd’ ich euch strafen

mit Donnergebraus

 

Der Finger schrieb ohne Halt

mit krachen und zischen das dritte Gebot

Gedenket, daß ihr den Sabbat heiligt

drum laßt euch am siebenten Tage der Woche

nicht von mir bei der Arbeit erwischen

 

Ohne Pause erschien schon das vierte Gebot

Ihr sollt eure Mütter und Väter ehren

und das – betrachtet dies als eine Warnung –

gilt sowohl in der Freude wie auch in der Not

 

Das fünfte Gebot

Ihr sollt nicht und niemals töten

erschien als tiefes feuriges Mal

wer es dennoch tut

außer in eigenen Nöten

der wird enden in endloser Qual

 

Ihr sollt eine Ehe nicht brechen

so las man als sechstes Gebot

doch es ist nur ein Bruch

wenn man von mehr noch kann sprechen

als von gemeinsam gegessenem Brot

 

Das siebte Gebot

Ihr sollt nicht stehlen

brach sich zitternd in das Gestein

und außerdem – und das merkt euch gut

sollt ihr meine andern Geschöpfe nicht quälen

auch wenn sie euch unwichtig scheinen und klein

denn wenn ihr es macht komm’ ich gehörig in Wut

 

Es erschien auf der steinernen Tafel das achte Gebot

Ich verbiet’ euch falsch Zeugnis wider euren Nächsten und Jedermann

drum hütet die Zunge zu eurem Besten

sonst krieg ich euch sicher irgendwann ran

 

Ihr sollt nicht begehren des Nächsten Weib

war dann das neunte und vorletzt’ Gebot

gerichtet an alles was Mann ist vom Leib

und wenn ihr’s versucht dann sehe ich rot

 

Das flackernd und springend erlöschende Feuer

schrieb noch das zehnte Gebot:

Ihr sollt nicht begehren eures Nächsten Hab und auch Gut

denn ich werde zum strafenden Ungeheuer

für jeden von euch der es trotzdem tut

© ee


 

 

 


 

Laßt das Leben leben

laßt die Erd’ lebendig

hört auf nach Macht zu streben

sonst endet ihr elendig

ihr erstickt noch an den großen Brocken

die ihr euch ständig räubert

laßt euch zu schmutzig Tun verlocken

und sagt

ihr habt die Welt gesäubert

habt Leichenberge angehäuft

habt Blut in rotem Blut ersäuft

habt mit den gemeinsten Waffen

eine Friedhofsruh’ geschaffen

habt den Menschen euern Schutz geschenkt

und ihre Bodenschätze umgelenkt

habt alles - was ihnen wert - zerstört

weil ihr glaubt

daß euch die Welt gehört

 

© ee