text 

 

 

Diese Erinnerungen bleiben . . .

 

Durch die vielen Musiksendungen und Rückblicke während der „stillen Tage“ zum Jahresende rückte so manche eigene, alte Erinnerung wieder in den Vordergrund des Empfindens. Stars und Sternchen von gestern wurden wieder lebendig. Eine große Zahl von ihnen weilt noch unter uns – andere bedeckt schon lange Zeit der grüne Rasen. Einige erfreuen noch heute die Menschen mit ihren Fähigkeiten – bei der weitaus größeren Zahl der Interpreten muß man aber erst den Staub des Vergessens fortblasen.

Dabei kommt es häufig darauf an, auf welche Weise man die Erinnerungen eingelagert hat. Kleine Begebenheiten am Rande sind oft ausschlaggebend gewesen. Das wurde mir wiedereinmal deutlich gemacht, als in einer Abendsendung die göttliche Stimme aus Prag – wie sie häufig bezeichnet wird – erklang. Eine Freundin, die mir gegenübersaß, war sichtbar angetan von den Klängen aus dem Lautsprecher. Verwunderung über meine Nichtbegeisterung schwang in ihrer Frage mit: Machst du dir nichts aus der Musik von Karel Gott? Verwunderung wohl, weil ich sonst gute Musik und schöne Stimmen zu schätzen weiß.

Es hatte mich erwischt – nicht meine Freundin mit ihrer berechtigten Frage, sondern das Lied und die Stimme von Karel Gott. Ein Bild von dreißig Jahre zurück wirbelte durch mein Empfinden, und machte die zweifellos hervorragende Stimme für mich schrecklich ungenießbar.

Es war Anfangs der neunzehnhundertsiebziger Jahre. Der kalte Krieg befand sich noch in seiner heißen Phase. Mitten durch Europa zog sich der eiserne Vorhang. Durchlässig war er nur für wenige auserwählte Getreue, die ungehindert in beide Richtungen hindurchgehen konnten – oder durften. Die welche ungehindert hindurchgehen konnten, waren in der Regel Politiker aller Couleur. Die ungehindert hindurchgehen durften – das waren hochrangige Wissenschaftler und Künstler.

Ohne Zweifel bezahlte ein Teil von ihnen die Reisefreiheit mit Angst und Sorge um ihre nächsten Angehörigen, die ja fast immer als Pfand auf der östlichen Seite zurück blieben.

An der Art und Weise, wie sie sich auf der westlichen Seite des Vorhangs verhielten, ließ sich leicht erkennen zu welcher Kategorie sie zählten.

Zu diesen Reisebegünstigten gehörte auch der tschechische Sänger Karel Gott.

Für die damaligen Machthaber in der Tschechoslowakei war er eine ergiebig sprudelnde Devisenquelle.

Sie taten sich nämlich mit dem kapitalistischen Westen (oder der Westen mit ihnen?) ein wenig schwer – nachdem sie gemeinsam mit den roten Brüdern den liberalen und menschlichen Alexander Dubcek geschasst hatten.

Auftritte in geldharten Ländern bestimmten Karel Gotts Leben. Der heimische Alltag in Prag - mit den Nöten der unterdrückten Menschen - spielte in seinem Bewusstsein – Gewissen möchte ich nicht sagen, da ich mir nicht sicher bin, ob er je eines hatte - wohl nur eine untergeordnete Rolle.

In einer Nobelherberge an der Düsseldorfer Königsallee verdiente ich in den Jahren meine Brötchen. Die Lieder von Karel Gott bedeuteten mir sehr viel – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Sänger mit der goldenen Stimme persönlich kennen lernte.

Das Hotel ‚Münch an der Kö’ hatten die Manager des begnadeten Sängers während seiner Auftritte im Rheinland regelmäßig für ihn als Standquartier auserkoren.

Das Haus war ebenso gediegen und verschwiegen wie teuer. Die Herberge war der Stimme angemessen.

Die Zimmermädchen im Hause stammten fast ausschließlich aus Ländern des östlichen Bündnisses. Allesamt waren sie freundlich, hilfsbereit – und ebenso schlecht – oder noch schlechter - entlohnt wie ihre deutschen Kolleginnen. Bei ihnen hatte das westliche Geld allerdings einen anderen Wert. Das soll kein Vorwurf an die Adresse des Hoteliers sein – die Gastronomietarife waren eben so. Aber gerade diese Mädchen vergötterten „ihren“ Karel Gott als ein Stück Heimat – als ein kleines Stückchen Traum von Freiheit und Wohlstand.

Es verging kein Tag, an dem nicht ein Hauch von Verehrung in seiner Suite zu finden war. Es waren Gegenstände, die sich die jungen Frauen vom Munde ab-sparten – für die sie auf manches andere – vielleicht notwendigere -  verzichteten.

Ich habe nicht ein einziges Mal von dem ‚großen Karel Gott’ eine kleine Geste des Dankes bemerkt.

Ein eigennütziges, kaltes Herz wandelte durch die westlichen Geldpfründe. Diese Kälte hat meine Begeisterung für die goldene Stimme aus Prag damals einge-froren. In diesem Zustand ist sie bis heute geblieben – trotz aller  gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der letzten Jahre.

Diese Erinnerungen bleiben!

 

Ewald  Eden