In der Sonne frieren ...

 

 Dieses Büchlein möchte ich dem Gedenken an die Menschen widmen, die in einem grausamen Abschnitt der jüngeren deutschen Geschichte unsägliches Leid erfahren haben. Aber auch denjenigen die vergeblich versuchten, dieses Leid zu verhindern, oder es zu mildern bemüht waren. Vielleicht bewegt es die Menschen in aller Welt heute - und in der Zukunft - ihren weltlichen und geistlichen Führungen nicht mehr bedingungslos zu folgen.

 


 

Vorweg ein Wort . . .

 

Deutschland hat ein Stück Geschichte hinter sich, daß, trotz aller Bemühungen es zu polieren, keinen rechten Glanz bekommt. Ich denke, man mag es oftmals nicht herzeigen – wie ein unansehnliches Besteck, das nur im engeren Alltagsgebrauch auf dem Tisch erscheint. Auf meinem Weg durch die Zeit bewegt mich immer wieder aufs Neue die Leere im Erinnern vieler Menschen, denen ich begegne. Sei es, daß sie noch den Schwamm in der Hand halten, mit dem sie die Bilder fortgewischt haben – sei es, daß sie auf einen unbefleckten Bogen Papier sehen, auf den niemand geschrieben hat.

Wer von den dabei gewesenen seinen ‚Ich weiß es noch’ Tresor ausgeräumt hat, mag sein Alter genießen und dieses Büchlein beiseite legen. Wer in seinem Wissen über diesen Abschnitt Vergangenheit Lücken sieht, dem empfehle ich weiter zu lesen. Meine regional begrenzten Erinnerungen an Erzähltes und Erlebtes mögen vielleicht in dem einen oder anderen Fall dazu beitragen, diese Lücken zu schließen. Ich danke allen, die über diese Zeit mit mir gesprochen haben – besonders denen, die eigenes Fehlverhalten als solches erkannt – und es nicht verschwiegen haben.

Besonders danke ich meiner Mutter, dass sie mir ihr Bild der Zeit vermittelt hat.

 

 

 

 

                                                      

 

In der Sonne frieren . . .

 

. . . Erinnerungen an Erlebtes und Erzähltes

 

 

Frühjahr 1951 - 

da stehe ich nun - in Gummistiefeln, langen Wollstrümpfen, kurzer Hose und handgestricktem Pullover aus dem Winterpelz unseres Schafes vor dem großen Backsteinkasten der Schule heißt. Er wartet auf mich, dieser Hort von Wissen und Ordnung. Er lauert auf den kleinen Stöpsel, der sich im 44er Kriegsjahr im Bauch seiner Mutter ein-nistete, um diesen Ort der Geborgenheit ein paar Stunden vor dem heiligen Abend des gleichen Jahres zu verlassen.

Bis ich, von dieser Stunde ausgehend, den Punkt auf dem Pflaster des Bürgersteiges vor dem Erziehungs-tempel erreichte, auf dem ich – trotz der herrlich scheinenden Sonne frierend - mit Bangen im Herzen auf des Fotografen Vögelchen warte, wurden schon viele Schicksalsbilder in mein Gefühlsalbum geklebt.

 

  Ich erlebte am 22. Dezember 1944 wohl die erste Enttäuschung meines Erdendasein – statt bei meiner Ankunft eine friedvolle Welt im Glanz strahlender Lichterbäume vorzufinden, empfing mich ein dunkler nach Karbol und Angstschweiß riechender Bunker.

Er war bis auf die letzte Ecke mit Kranken und Invaliden belegt. Es war wahrlich kein schöner Platz für ein freundliches Willkommen im Kreise von Gottes Ebenbildern.

Die plagten alle ihre eigenen Sorgen.

Die Menschen in den Betten um mich herum, die den Bunker des Sankt Willehad Hospitals in der Kriegsfestung Wilhelmshaven mehr mit Tod als mit Leben erfüllten, ging mein Erscheinen auf dem Elendsbahnhof wohl ziemlich an ihren knochigen, mageren Hintern vorbei.

Gesehen haben mich aber alle, denen der Krankenhausbunker zu der Zeit Hilfe, Schutz und Obdach gewährte. Zwei Tage nach meiner Geburt zogen die Schwestern nämlich mit mir von Bett zu Bett. Die Heilige Nacht 1944 verbrachte ich als Jesuskind in der Weihnachtskrippe. Vielleicht hat der Anblick dieses lebendigen Christkindes damals die eine oder andere Seele getröstet.

Neben den aufopferungswilligen Frauen in ihren Ordenstrachten – die fast schon ein Stück des Inven-tars waren - war es sonst wohl einzig meine Mutter, die froh war, mich in ihren Armen halten zu dürfen.

Ihre abwehrende Haltung gegen mich, während meines Aufenthaltes unter ihrem Herzen, war in Freude umgeschlagen.

Ich bin nicht so vermessen zu sagen, der Anblick meiner Schönheit hätte sie überwältigt. Es war bei ihr mehr die Hoffnung, durch mich ihr eigenes Los leichter ertragen zu können. So hat sie es mir später zu erklären versucht.

 

   Ihr Herrgott schenkte ihr in dieser schrecklichen Zeit ein Kind das sie mit niemandem teilen musste – dem sie ohne Furcht alles anvertrauen konnte – und gefürchtet hat sich diese starke Frau – weiß Gott.

Ich war nämlich ein Kuckucksei – wie es einmal jemand formulierte. Ich war die Frucht einer verbotenen Liebe.

Nicht das ich auf einem Bein humpelte, weil ich papiermäßig keinen Vater vorweisen konnte – da hatte alles seine Ordnung.

Der Mann meiner Mutter war ein strammer Seemann. Seine Vaterschaft war mit Reichsadler und Hakenkreuz amtlich bestempelt. Er war nur eben nicht dabei, als seine Frau mich empfing.

Gerade in dieser Zeit war er nämlich im besetzten Norwegen mit einer seiner zahlreichen Nebenfrauen beschäftigt.

Diesen Zeitvertreib pflegte er nicht erst seit er im hohen Norden war. Das war in seinem Leben eigentlich von Anbeginn seiner Ehe gängige Praxis.

Der Alltagsrhythmus war zur Banalität geworden. Der Seemann kam bis zum Kriegsausbruch stets nur von Bord nach Hause, um bei seiner Nesthüterin ein neues Kind einzupflanzen.

Anschließend verschwand er wieder leichten Fußes hinter den Wellen von Borkum. Er verschwand in Richtung Doggerbank, wo sich die unerschöpflichen Fanggründe der Emder Heringslogger befanden.

Als sich dann die deutschen Streitkräfte auf Eroberungsfeldzug begaben, da war es mit der Kindermacherei im heimischen Bett fürs erste vorbei.

 

  Das Ergebnis seiner ehelichen Nachwuchsproduktion, bis zum Ausbruch der unkontrollierten, ansteckenden Wutanfälle des bekannten österreichischen Gefreiten gegen den Rest der Welt, konnte sich sehen lassen. Fünfmal war der Storch zu Besuch ge-wesen. Fünfmal hatte er ein krähendes Päckchen abgeliefert.

 

   Am 1. September 1939 begann das Hauen und Stechen zu Lande und auf den Weltmeeren.

Der Mann mit dem Kinderpflanzstock wurde in das Kriegsgeschehen  einbezogen, und vergnügte sich von da an nur noch lustvoll zwischen den Schenkeln anderer Frauen. Dieses Vergnügen bescherte ihm sicherlich mancherlei Abwechslung. Erholsame Ruhe kehrte dagegen in meiner Mutters Bauch ein.

Bis im Frühling 1944 der stramme Seemann von Stavanger aus seiner Angetrauten in der Heimat einen höllischen Tritt in die Seele versetzte.

Diese Verletzung  überstand sie in den Armen ihrer ersten Liebe, die plötzlich wieder ein Gesicht bekommen hatte. Wenn es auch nur für ein paar Stunden war. Die erste Liebe in ihrem Leben, deren zarte Bande meine Großmutter 1930 erbarmungslos zerstört hatte.

Der junge Mann, der damals meiner Mutter Glück war, war armer Leute Kind – und darum untauglich für die Ehe, alles andere zählte nicht. Alles andere hatte keinen messbaren Nutzen.

 

  Das Glück der jungen Menschen – was war das? Mit dem Glück ihrer Kinder konnte die Großmutter nicht ihre Schränke und Truhen füllen. Für die jungen, unverbrauchten Körper ihrer Töchter bekam sie dagegen sehr viel Kapital.

Viele Männer waren bereit zu zahlen – der eine in klingender Münze, der andere in Ware, ein dritter  wiederum in amtlicher Geneigtheit – ein vierter in Willfährigkeit gegenüber der raffgierigen Mutter.

Gleichgültig ob es Moorverwalter, Großbauer, Amt-vogt oder gar einer der eigenen Söhne war, den meine Großmutter damit ans Haus fesselte.

Sie alle spielten mit in dieser unheiligen Sinfonie. Es berauschten sie wohl die schrägen Töne ihres Tun – aber ganz bestimmt berauschten sie sich auch an den mädchenhaften Körpern ihrer Opfer.

Die offenbare Selbstverständlichkeit, mit der man schreiendes Unrecht und seelische Kindsfolter in der bürgerlichen Gesellschaft als natürlich betrachtete – Kinder wurden häufig als Gut angesehen, das man bei Verlust einfach durch eine banale biologische Handlung ersetzte - hat mir Hilfe im Begreifen gegeben, warum in Deutschland zwölf lange Jahre tausendjähriger Wahnsinn geschehen konnte.

Es spielte in diesen zwölf Jahren zwar ein anderes Orchester als in den Jahren zuvor, die Musik war aber die gleiche geblieben.

Auch diejenigen, die sie sich genüßlich zu Gemüte führten, waren dieselben Menschen.

 

  1945 im Mai – in den ersten Tagen des Wonne-monats - waren die Säle plötzlich leergespielt. Die Musiker, die der Welt mit ihren Darbietungen das Fürchten gelehrt hatten, hatten sich klammheimlich davon gemacht. Sie hinterließen bergeweise Leichen und sinnlos zertrümmerte Konzerthallen.

Wer die grausigen Aufführungen lebend hinter sich gelassen hatte, stieg entweder leichten Fußes über die Berge von Unrat hinweg – oder er begann sie wegzuräumen.

Diejenigen, die sich ans Aufräumen machten, haben sich unendlich schwerer mit ihrem Schicksal getan.

  Die gut zweitausend Tage Nachkriegszeit, bis zu meinem ersten Schultag – die zweitausend Tage mit den hoffnungslos überfüllten Zügen, die hungernde Menschen in ländliche Gebiete transportierten. Die  Menschen, die ihr letztes bewegliches Hab und Gut gegen nur irgendwie Essbares eintauschten. Die Menschen, die sich von Sachen trennten, an denen das Erinnern von Generationen hing.

Oft genug von kaltherzigen, berechnenden Bauern schamlos übervorteilt. Und immer wieder waren es die Großen, die selber im Überfluss besaßen. Es ist keine Mär, wenn von Bauern berichtet wird, die ihren Kuhstall leicht mit Teppichen hätten auslegen können.

 

  Eine Tante von mir – Bäuerin im ostfriesischen Diedrichsfeld, wohlhabend, um nicht zu sagen begütert und fanatisch gebetsbesessen – aber gleichermaßen raffgierig, egoistisch und geizig – hat  einem ausgehungerten Familienvater für einen tadellosen, maßgeschneiderten schwarzen Anzug eine Kehrschaufel halbverfaulter Kartoffeln  angedient. So ist es tatsächlich geschehen – ich habe es miterlebt.

Die zweitausend Tage Nachkriegszeit, mit den endlos langen Zahlenkolonnen auf den wertlosen Geld-scheinen – die oft gar nicht genug Platz boten für die vielen Nullen.

Die zweitausend Tage Nachkriegszeit mit der 48er Reform als Geburtsstunde der harten Währung. Wer erinnert sich noch an die kleinen blaugrauen Scheine mit dem Aufdruck: Note der Bank Deutscher Länder – eine Deutsche Mark!

Wenn man sie berührte, verspürte man ein wahres Glücksgefühl.

Vierzig Stück davon gab es am Ausgabetag für jeden Einwohner mit deutscher Kennkarte.

Es war so genanntes Kopfgeld. Sinnigerweise war es auch die Bezeichnung für die Prämien der Menschenjäger in den USA. Wahrscheinlich war es der erste Wortinhalt aus den Vereinigten Staaten, der Eingang in den offiziellen Sprachgebrauch bei uns gefunden hat. Wenn es bloß dabei geblieben wäre.

 

  Das pathetische an die Brust klopfen vieler wohlhabender Kleinbürger in den Fünfzigern und Ein-gangs der sechziger Jahre, verbunden mit dem Spruch: Wir haben alle nur mit vierzig Mark angefangen, führte jahrelang die Häufigkeitsliste in den Aussagen derer an, die kräftig gebunkert hatten in den gut zweitausend Tage Nachkriegszeit mit den leeren Geschäften und den ständig klagenden Inhabern.

Wer etwas nicht Essbares benötigte, der brauchte einen Bezugsschein, an den man nur durch entsprechende Beziehungen gelangte. Dieser Bezugsschein – gut genug in essbare Naturalien verpackt – bewirkte meist wahre Wunder. Er war der Stab des Zauberers mit dem Zylinder.

Übertroffen wurden diese vielen kleinen Wunder noch von der überwältigenden Erscheinung der vollen Schaufenster und Läden an dem Morgen, an dem die Währungsreform in Kraft trat.

Da war nicht des Zauberers Lehrling am Werk gewesen – das hatte Goethes Doktor Faust persönlich bewirkt.

Die hohe Zeit der Schwarzhändler war vorbei – das goldene Dezennium des Einzelhandels brach an.

 

Und jeder, dessen Schaufenster in der Nacht der Stunde Null wie aus heiterem Himmel zum Bersten gefüllt wurden, hatte im Sagen nachher natürlich auch nur mit vierzig Mark Kopfgeld angefangen.

 

  Die gut zweitausend Tage Nachkriegszeit mit den unzähligen privaten Klein- und Kleinstschnapsbrennereien. Jeder der irgendwie an passenden – oder oft auch unpassenden - Rohstoff gelangen konnte, versuchte sich in der hohen Kunst des Destillierens.

Bei den allermeisten Versuchern langte die Produktion nur zum Eigenverbrauch, und das war sicherlich gut so.

Das mindeste was nach dem Genuss vieler Eigen-Brände den Genießern passierte – es flogen ihnen die Schuhsohlen weg – und Schuhsohlen waren verdammt knapp.

Wer es noch tragen musste, erinnert sich sicher mit Grauen an das Pappmaché Schuhwerk – an diese Blenderfußbekleidung, die so wunderschön aussah. Die Schönwetterschuhe aus Altpapier, noch aus Führer Adolfs Trickkiste. Einmal im Regen getragen, konnte man ohne Schwierigkeiten Kasperlepuppen aus ihnen formen.

 

  Bei uns zu Hause wurde auch gebrannt. Ich meine damit nicht das Feuer im Herd. Ich meine die Brände, in denen die Menschen ihre Sorgen ertränken konnten – und das taten wahrlich genug Zeitgenossen.

Die Brennerei meiner Mutter konnte man getrost, von der Güte und Qualität der Erzeugnisse her, als elitäre Kleinstadtschnapsfabrik bezeichnen. Die Produkte, die - auf oft abenteuerlichen Wegen - den Ort ihrer Entstehung verließen, hatten Niveau. So hohes Niveau, das Menschen aller Schichten sie zu schätzen wussten.

Sogar die Veranstalter von  Polizei- und Feuerwehrbällen  wurden damit beliefert. Den Ordnungskräften ist der Sprit immer gut bekommen

Gefeiert wurde nämlich auch schon wieder. Es waren zwar keine heroischen Siegesfeiern mehr, weil die glorreiche Wehrmacht irgendein fremdes Heer besiegt, oder die glorreiche Waffen-SS ein Volk von Untermenschen ausgelöscht  hatte. Die Zeiten waren vorbei – ich mag noch immer nicht sagen endgültig, aber wenigstens fürs erste. Man musste für eine neue Waffenbrüderschaft schließlich pietätvoll die Schamfrist abwarten. So gehörte es sich nun einmal.

Wenn in dieser Zeit gefeiert wurde, diente es entweder dem reinen Vergnügen – bei den Menschen hatte sich in dieser Hinsicht ein ungeheures Nachholpotential aufgebaut – oder aber, was gar nicht so selten war, man suchte einfach für ein paar Stunden das Vergessen.

Und wo kann Mensch es leichter finden, als in einer gehörigen Portion Alkohol? Auch daran hat sich  nicht allzu viel geändert. Bis auf den heutigen Tag nicht.

Vieles von dem, was wir nach der Stunde Null am 5. bzw. 9. Mai 45 als wohltuend empfanden, schipperte auf offiziellen Wegen aus den riesigen Weiten der Siegermacht USA zu uns herüber. Zu uns, den besiegten Brandstiftern – wie es ein englischer Stabs-offizier einmal mit ein wenig Neid in der Stimme sagte – angesichts der Mängel in der eigenen Armee.

Schulspeisung – Quäkerspeise - war so ein Zauberwort, das vielen von uns Kindern den allmorgendlichen Gang in die Zöglingsanstalt leichter machte. Wer in dieser Zeit mit seinem Kinderpopo im städtischen Bereich die Klassenbänke drückte, wird sich sicherlich noch gern an die süßen Keksspeisen erinnern.

Nie zuvor – und mit Bestimmtheit auch nicht danach - klapperten so viele verbeulte Soldatenkochgeschirre in Kinderhänden durch unsere Schule.

Die anderen Gewinner in der Reihe der Alliierten taten sich mit Gütigkeiten schwer. Wohl nicht, weil sie den Unterlegenen nichts gönnten, sondern eher, weil sie selber nichts zu beißen hatten.

Da wo die Mehrheit der Sieger zu Hause war, herrschte zumindest genauso großer Mangel, wie da wo sie als Besatzungssoldaten stationiert waren – nämlich in Deutschland.

 

  Der groß und feierlich beschworene Zusammenhalt  im gemeinsamen Waffengang gegen Hitlerdeutschland – wie es im allgemeinen Sprachgebrauch hieß – war nämlich auch nicht in glühendem Feuer geschmiedet worden.

Der letzte Kanonendonner war noch nicht lange verhallt, und aus den Bombenlöchern stieg noch schwarzer Rauch, da zeigten sich schon die ersten Risse im Zweckbündnis zur Vernichtung der Vernichter.

Die Demontage von unzerstört gebliebenen Produktionsstätten wurde noch in schöner Brüderlichkeit durchgeführt, aber danach war es mit der Umarmungseuphorie für lange Zeit vorbei.

Die US-amerikanischen Befreier hatten sich an den ausgeguckten Plätzen eingerichtet – und eingeigelt. Die Armeen der anderen Besatzungsmächte nahmen auch ihre  vorgesehenen Zonen ein, aber wenn sie sich, so wie ihre amerikanischen Waffenbrüder in ihren Domänen abgeschottet hätten – sie wären auf der Siegerstrasse schlicht und einfach verhungert.

 

  Die Zusammenarbeit zwischen West und Ost funktionierte im ersten halben Jahr der neuen Zeitrechnung nach außen einigermaßen reibungslos.

Dann verfestigte sich die Trennungslinie zwischen Ost und West – es wuchs langsam aber stetig ein eiserner Vorhang quer durch Deutschland heran. Von Nord nach Süd.

Einzig kleine Bastionen, die mit verbrüderten Besatzungssoldaten besetzt und über die Westzonen verteilt waren, sicherten für einige Zeit den Sowjets noch begrenzte Einblicke in diesen Teil Deutschlands.

Bis Oktober 1945 fuhren noch Mini-Einheiten der ehemals stolzen Kriegsmarinewerft auf eng begrenzten Wassergebieten hin und her. Natürlich unter dem Oberkommando der siegreichen Mächte, und der beschämenden C-Flagge am Heck.

So zum Beispiel in den Wilhelmshavener Binnenhäfen die kleinen, knustigen Schlepper. Es gab ja reichlich Material zu demontieren und zu verschiffen. Der Hafen und seine Einrichtungen funktionierten noch – die Schleusen waren noch intakt.

Die vielen Trümmerfelder im Hafen- und Werftgebiet erblickten erst nach Beendigung der Ausplündereien durch die Sieger das Licht der Küste.

Die Sprengung der Schleusen war ein Punkt im Plan, des erbosten englischen Premiers Winston Churchill – der die Werkstatt des Teufels, wie er Wilhelmshaven einmal genannt hatte, der Nordsee zurückgeben wollte. Bei seinen US-amerikanischen Verbündeten fand sein Plan, den er - ohne die Absegnung von Onkel Sam abzuwarten - schon begonnen hatte umzusetzen, keine Zustimmung. Die Neueweltengländer benutzten auch damals schon ohne Skrupel sogar die Küche des Teufels – wenn sie nur ihr Süppchen kochen konnten.  

 

Nicht ohne Grund steuerten blinde Piloten die Bomber in den großen Geschwadern, die Nacht für Nacht über Deutschland Ziele für ihre tödliche Fracht suchten.

Wie anders soll man es sich erklären, daß sie militärische Objekte, oder Stadtviertel in denen Großbanken mit ihren Vermögendepots residierten, mit schöner Regelmäßigkeit verfehlten.

Sollte tatsächlich Absicht dahinter gesteckt haben, die zivilen Wohngebiete in Schutt und Asche zu legen? Ich vermute es, denn Wohnhäuser mitsamt ihrer Einrichtung hätten ja nicht gut für Reparationsleistungen reklamiert werden können.

Mengen an russischen Bruttoregistertonnen, die nach 1945 schwimmend auf die Weltmeere ge-schickt wurden, sind mit Maschinen und Werkzeugen von der Kriegsmarinewerft Wilhelmshaven in Schiffsform gebracht worden.

Bei aller Tragik dieses Geschehens kann man an einem Schmunzelstück nicht achtlos vorübergehen. Das Wilhelmshavener Wahrzeichen – der lange Heinrich, wie er im Volksmund genannt wurde – sollte den gleichen Weg gehen – den Weg in die sowjetischen Einflussgebiete. Einen Platz hatten sich die Sowjets schon ausgeguckt.

 

  Die bolschewistische Regierung war, wie bei so vielem was sie im Laufe ihres Bestehens  machte, unfähig, unersättlich und blind. Diese meine Sicht der Dinge soll nicht heißen, daß ich über den Häuptern der anderen Siegermächte Heiligenscheine sehe. Die Regierenden dort wenden für ihre Scheußlichkeiten seit jeher nur andere Methoden an.

Na, auf jeden Fall – den langen Heinrich sahen die Kremlherren in Moskau schon in irgendeinem Ostseehafen werkeln.

Am liebsten wäre ihnen für den Transport die Luftlinie gewesen – der Kürze wegen.

Die Unmöglichkeit dieser Möglichkeit ließ nur den Wasserweg offen, denn als Schienen- oder Luftfracht hätte das gute Stück zerlegt werden müssen. Das wäre ihm ganz bestimmt nicht gut bekommen. Die ‚Zerleger’ hier hätten sicherlich ganze Arbeit geleistet, denn das hätten die Iwans ja nicht kontrollieren können.

Also blieb nur der Weg übers Meer. Irgendeine Kommandostelle im Kreise der Mithelfer gönnte den Herren mit dem roten Stern an der Mütze dieses Schmuckstück wohl nicht.

In den Wattenmeerbereichen um den Hohen Weg lief der schwimmende Koloss schlicht auf Grund. Der Verbandsführer legte, ob bewusst oder aus Revierunkenntnis ist mir nicht bekannt, den falschen Kurs an.

Die Bergungskosten, die durch dieses Missgeschick entstehen würden, sollten sinnigerweise der Kasse der Roten Armee angelastet werden. So angestrengt die Kassenwarte der Bolschewiki auch in ihre Geldbeutel äugten – für so ein Unternehmen entdeckten sie keine Mittel. Auf diese Weise war plötzlich die US-amerikanische Enklave Bremerhaven um ein Wahrzeichen reicher. Für Eingeweihte auch (k)ein Zufall. Aber es war immerhin ein besserer Standplatz für den stolzen Kran als Kaliningrad.

 

  In den Westzonen regte sich schon bald, nach Admiral Dönitz Unterschrift unter die Kapitulationsurkunden, neues politisches Leben. Es sollte eine Gesellschaftsform nach westlichem Muster aus den Ruinen erstehen. Eine Demokratie. Hatten wir die nicht schon mal?

Den Begriff neues politisches Leben durfte man mit Verlaub mit einem riesengroßen Fragezeichen versehen. Denn die Väter, die die Mutter Deutschland mit ihren Vorstellungen schwängerten, bedienten sich der gleichen Geburtshelfer, wie zuvor in den gerade zu Ende gegangenen eintausend Jahren von 1933 bis 1945 die anderen Samenspender.

Man achtete bei den obligatorischen Entnazifizierungsprozessen bloß peinlich darauf, daß sie ihre Hände ordentlich in Unschuld wuschen.

Die Bazillen aus der braunen Zeit, die sich nach wie vor in den Köpfen und Gemütern der chemisch gereinigten Volksgenossen tummelten, hatten die glorreichen Sieger aus Ost und West schon in ihre Strategien für den keimenden kalten Krieg eingebaut.

 

Gefragt habe ich mich oftmals, warum in unserem Lande damals keine Proteststürme losbrachen, als Globke, Gehlen und Co. ohne ernsthafte Unterbrechung weiter wirken konnten. Diese Herren waren wohl unverzichtbares Führungspotenzial für die Strategen im Weißen Haus. In Nürnberg als Kriegsverbrecher abgeurteilte und einsitzende Wehr-machtsgeneräle wurden nach kurzer Haftzeit durch persönliche Ehrenerklärungen Dwigth D. Eisenhowers rehabilitiert und verwendungsfähig aufbereitet. So wie diese Personen aus den oberen Bereichen des Staatsgebildes zog sich das Band mit den Namen der angeblich geläuterten Akteure quer durch die ganze Szenerie bis in die untersten Ränge.

Der NS-Ortsgruppenleiter in unserer Wohnsiedlung - ein strammer Parteigänger der NSDAP – stand gleich nach dem Wiederaufleben des Deutschen Siedlerbundes als zivile Organisation in gleicher Eigenschaft, nämlich als Ortsgruppenleiter in dessen Diensten. Es ist wahrlich kein Einzelfall, dennoch ein bezeichnendes Geschehen.

Von diesem  Ortsgruppenleiter ist mir durch meine Mutter ein denkwürdiger Ausspruch überliefert worden, den sie sich – wie viele andere Frauen aus unserer Nachbarschaft auch – anhören musste.

In den Anfangsmonaten des Jahres 1945 – das Monstrum Krieg lag in Europa schon in den letzten Zügen – evakuierte die Reichsführung NSDAP Frauen und Kinder aus den unmittelbaren Gefechtszonen.

Das Stadtgebiet von Wilhelmshaven gehörte als bedeutender Werftstandort und größter Marinestützpunkt dazu.

 

Von See her deckten die Bordgeschütze der feindlichen Flotte das Jadegebiet mit ihren Granaten ein – es war also direkte Frontzone.

Man schickte die zivilen Bewohner in die umliegenden, weniger bevölkerten Landstriche.

Man schickte sie schlicht und einfach aufs Land zu den Bauern.

Jetzt kommen wir an die Futtertöpfe – soll unser Nachbarsjunge sich gefreut haben. Der ahnungslose Hungerleider.

Wie man sich lebhaft vorstellen kann, waren die so beglückten Dünnbesiedler auf dem Lande nicht sehr erbaut, plötzlich eine große Zahl von nutzlosen  Essern um sich zu haben.

Es spielte unter Garantie nirgendwo eine Empfangskapelle Heil dir im Siegerkranz, als die, nur mit Lebensmittelkarten versorgten, Stadtlinge anrückten.

Mit den mitgebrachten Lebensmittelkarten konnte man allerhöchstens die Wände makulatieren.  „Allns blods unnütz Fräters, de man us up d’ Hals stüürt“ – (alles bloß nichtsnutzige Fresser, die man uns auf den Hals schickt) ist auch ein überlieferter Aus-spruch eines mit evakuierten Stadtbewohnern beglückten Ortsbauernführers. Die Mehrheit der Mütter hat mit ihren Kindern, nach kurzem Aufenthalt an den relativ sicheren Orten, einfach wieder nach Hause kehrtgemacht.

 

Man wollte kein ungeliebter Gast sein. Zu Hause konnte man wenigstens in den eigenen Betten schlafen – und das Magenknurren war auch nicht unfreundlicher. Nur – die eigenmächtige Heimkehr in die Gefechtszone war die gefährliche Missach-ung einer Parteianordnung.

Wenn ein Mann ein ähnlich geartetes Delikt begangen hätte, ihm wäre es als Wehrkraftzersetzung angelastet worden. Nicht wenige Männer sind auf Grund eines solchen Vorwurfs standrechtlich erschossen worden – ohne jedwede Gerichtsverhand-lung.

Aus diesem Grunde beorderte der schon erwähnte Ortsgruppenleiter die widerrechtlichen Heimkehrer zu einer belehrenden Ansprache auf den Straßenplatz vor unserem Hause.

Eine der zurückgekehrten Frauen legte die Gründe für ihr Handeln dar, und berichtete, was sie erlebt und gesehen hatte – sie und ihre unmündigen Kinder.

Aus einem Gebäude in einer ostfriesischen Kleinstadt seien kleine Körper aus den Fenstern im zweiten und dritten Stockwerk geflogen – nein, es waren keine Engel – die wurden sie erst, nachdem ihre Körper auf dem Straßenpflaster zerschellt waren.

Es waren soeben geborene Säuglinge nichtarischer Mütter. Und diejenigen, die diese unschuldigen Wesen da hinausbeförderten und mit ihrem Lachen in den Tod begleiteten, waren schwarzuniformierte SS-Männer.

Auf dieses berichten hin schickte der Ortsgruppenleiter seinen denkwürdigen Spruch in die Ohren der umstehenden Frauen: Es wäre alles Lüge, und wer noch einmal solche Gräuelmärchen verbreite, den würde er eigenhändig am nächsten Laternenpfahl aufhängen.

Wenn er nicht ein Gespür für das ganz kurz bevorstehende Ende seiner Macht gehabt hätte – er wäre mit Sicherheit noch zum Henker von eigenen Gnaden geworden – der spätere, honorige Siedlerbundfunktionär Fees.

Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß Erleichterung die Ursache war, die Ursache für das nicht demonstrieren gegen Neubeamtete alte Nazigrößen.

Erleichterung darüber, daß man mit seiner eigenen Schuld so billig davon gekommen war. Mag sie auch noch so klein gewesen sein.

Nun stand ich also vor der Schule, und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Wie mir kleinem Hosenscheißer in dieser neuen Situation ist auch wohl der Mehrheit der Bevölkerung zumute gewe-sen – man harrte  der Dinge, die da kommen sollten.

Seine Zustimmung zum Zukunftswandel hatte man ja mit seinem, fein säuberlich gemalten Kreuz bei der ersten Bundestagswahl gegeben. Einer Parlamentswahl ohne Schlägereien zwischen Rot und Braun – einer Parlamentswahl ohne die Argusaugen des Blockwartes – einer Parlamentswahl, bei der man wieder richtig wählen durfte. Nur - ob man den „Richtigen“ denn wählte – wer wußte das schon.

Mit welcher Begeisterung hatten wir geschichtlich unbelasteten und politisch noch doofen Nachwuchsdeutschen in Parteien und Verbänden engagierten Freundeseltern beim Plakate aufstellen geholfen.

In den verödeten Schrebergarten der bundesrepublikanischen Politiklandschaft war plötzlich wieder der Wildwuchs von vor 1933 eingekehrt.

Die zwölf Jahre tausendjähriges Reich konnte man getrost als Gedächtnislücke bezeichnen. Wer beachtete schon bei seinem Kreuzchen malen, daß der Vorsitzende der neugegründeten Christlich Demokratischen Union, 1933 als Abgeordneter der Zen-trumspartei an den Geschehnissen der folgenden zwölf Jahre, durch seine Stimmenthaltung zu den Ermächtigungsgesetzen Adolf Hitlers, ein gehörig Maß an Mitverantwortung trug.

Mitschuldig – dieses Wort hat  er mit Sicherheit nach seinem Ableben vor den Schranken des Gerichts über den Rhöndorfer Wolken zu hören bekommen.

Sein Rückzug in die Klostergewölbe, während der Nazidiktatur, war bestimmt kein Grund für mildernde Umstände.

Vielleicht hat der himmlische Richter von ihm auch seinen  Spruch zu hören bekommen, was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.

Was hätte es die braunen Machthaber gekostet, den liebenswerten Rheinländer – wenn sie ihn denn hätten haben wollen –  aus dem Kloster herauszuholen.

Auch den schützenden vatikanischen Händen wären ohne Skrupel ein paar Finger abgezwackt worden – wenn möglich, die mit Brillanten geschmückten, die von den Schweizer Geldhortern dann flugs mit dem größten  Vergnügen in harte Devisen umgewandelt worden wären..

Wenn die Goldzähne, die in den Tresoren der Schweizer Bankindustrie Unterschlupf gefunden haben, in Schweizer Münder eingesetzt worden wären, jeder Schweizer Bürger hätte mit gelbblinkenden Zähnen glänzen können. Auch die zahnlosen Säuglinge und Greise.

 

Wer erinnert sich hier noch der hehren Worte von Theodor Heuss: Deutsche Soldaten - nie wieder. Diese Worte hatte er, wunderschön in blau und gelb gekleidet, liberal und freidemokratisch aus seinem Munde entlassen. Während der erste Bundespräsident den vom Krieg gesättigten, und nach Frieden schmachtenden Bürgern dieses weiße Engelsbild malte, stand das - in modifiziertes Feldgrau gekleidete - Amt Blank schon auf festen Fundamenten. Unter der Regie von Reinhard Gehlen war die Schauspielertruppe, die Millionen deutscher Soldaten noch kurz vorher in einen sinnlosen Tod geführt, zu neuem Spiel bereit. Intendant Konrad Adenauer zog im Auftrag seiner US-amerikanischen Aufsichtsräte die Fäden. Frei nach dem Brecht’schen Motto: Die Lüge muß nur groß genug sein, um nicht mehr als solche erkannt zu werden.

Oh du heile, schöne Märchenwelt – wie fühlt man sich in dir doch wohl.

Ein paar Jährchen später klang es aus dem Munde von Papa Heuss schon ganz schön anders, als er den zum Ehrenappell angetretenen Seesoldaten in Wilhelmshaven die Ermunterung zurief: Nun siegt man schön.

War er nun senil – oder ein Roßtäuscher, der leutselige Professor aus dem süddeutschen Ländle? Es wird vielleicht von beidem etwas gewesen sein.

Die Antwort mag sich am Ende jeder selber geben. Eine unbekömmliche Mischung – wenn es denn so war. Nur vom Fußvolk erkannte es keiner – oder wollte man es nicht erkennen, weil man auf das Süppchen, das so verlockend nach Frieden und Wohlstand roch, nach den Elendsjahren nicht verzichten wollte?

Da stand ich nun, und blickte ein wenig sehnsüchtig – ein bisschen traurig auch wohl – den schönen Fahrradkorbjahren hinterher. Die waren für mich endgültig vorbei.

 

Ein bisschen sehnsüchtig blickten auch bestimmt eine nicht kleine Anzahl Bauern den schönen Jahren hinterher – in denen sie über billige Arbeitskräfte nach Belieben verfügen konnten. Arbeitskräfte satt konnten sie nach „Ausbruch des Friedens“ auch bekommen. Nur - das waren Menschen aus dem eigenen Volk.

Die mussten entlohnt werden – sofern man Lohn zu den paar Pfennigen Entgelt sagen wollte – das manche Landwirte nach erbrachter Leistung auch noch selbstherrlich kürzten.

Der Tageslohn meiner Mutter betrug für zwölf Stunden harter Feldarbeit zwei Mark.

Der Betrag reichte gerade für drei Pfund Roggen-brot, einen Halbpfundswürfel Margarine und ein Paket Muckefuck. Wenn es Essen und Trinken bei der Schufterei aufzu gab, war das schon mehr ein Geschenk des Himmels.

Die Miete, die meine Mutter für unser Häuschen in der Siedlung Monat für Monat aufbringen musste belief sich auf 31 Mark und fünfzig Pfennige. Wohl-gemerkt – D-Mark.

Das hieß, von sechzehn mal zwölf Stunden Knoch-enarbeit, blieb ihr nach bezahlen der Miete ein Paket Muckefuck über.

Vielen Landherren schien das immer noch zuviel. Waren doch die aus den Untermenschengebieten deportierten Arbeitsmaschinen – in der Mehrzahl handelte es sich um Frauen und Mädchen – nahezu zum Nulltarif zu haben gewesen. Sie dienten häufig nebenher auch noch zum abreagieren der Schwanz-läufigkeit, wenn die Bäuerin nicht so häufig wollte, wie der Stiel des Hofherrn konnte. Es standen wohl die Blutschandegesetze gegen das Lustempfinden zwischen fremden Schenkeln – doch in der Weite des Landes? Wer wollte es sagen? Oder besser, wer wollte wagen, es zu sagen?

Und wenn dieses Herrenvergnügen denn einmal in Form eines dicken Bauches sichtbar wurde – weil, auch Untermenschenfrauen haben komischerweise eine Gebärmutter – half ein Bauernschwanzträger dem anderen. Notfalls – wenn der Teufel nicht gerade als Kindsvater zur Verfügung stand – war es ein unliebsamer Nachbar gewesen, den man schon immer einer solchen Schandtat für fähig gehalten hatte.

 

Mit Schandtat war natürlich nicht die Schande ge-meint, die den Frauen oder Mädchen angetan wurde – mit Schandtat war schlicht und ergreifend die Missachtung der Rasseverordnungen gemeint.

Auf diese Art und Weise hat sich manch einer eines unliebsamen Nachbarn entledigt, und den Umfang seines Grundbesitzes vergrößert. Ein Gutteil dieser Unholde ist von den einrückenden Siegermächten – in den Westzonen leider nur in den Gebieten, in denen die polnische Exilarmee die einrückende Sie-germacht war – auf zugegeben oft grausame Weise – abgestraft worden. Nur – wie sollte man das bezeichnen, was den fremden Männern, Frauen und Mädchen zuvor angetan worden war?

Die ‚Folgen’ dieser Rassenschande wurden in vielen Fällen – wenn sie denn im Werden nicht schon von stets bereiten Engelmacherinnen aus den Bäuchen der Schwangeren ausgeräumt wurden, zu den schon erwähnten Fensterfliegern.

Von Männern mit der SS-Rune auf den Kragen-spiegeln zu Engeln gemacht.

Ein nicht gerade kleiner Teil der Bevölkerung trauerte mit Sicherheit – natürlich nicht laut – den „schönen Zeiten“ hinterher.

Ich trauerte ja auch „schönen Zeiten hinterher“, während ich der Schulzeit entgegensah.

Durch meine Träume geisterte allerdings keine Enttäuschung über den Verlust wertvoller, billiger Arbeitskräfte. 

Durch meine Träume geisterten keine Erinnerungen an Stoßzeiten, zwischen den warmen Schenkeln dieser billigen Arbeitskräfte.

Meine Träume belebten Erinnerungen anderer Art. Ich trauerte meinen Erlebnissen auf den Touren quer durch Ostfriesland hinterher.

In meiner Kinderseele schon sehr genau wissend, daß sie Vergangenheit waren – daß sie Bilder hinterlassen hatten, die ich mir nur mehr mit geschlossenen Augen anschauen konnte.

Diese Bilder waren auf schwarzem Tee gemalt. Dem schwarzen Tee, der es meiner Mutter leichter machte, ihre Familie über Wasser zu halten. Die Familie, zu der ja auch seit dem Zwangsende seiner Seefahrerzeit ein an Tbc erkrankter, unwirscher ehemals strammer Matrose gehörte. Teehandel – Tee vertauschen war nämlich das zweite Standbein mei-ner Mutters Aktivitäten.

Im Nachhinein hab’ ich manchmal gedacht: Das war schon fast so etwas wie Landestradition. Ostfries-lands alteingesessene Handelshäuser vereinbarten nämlich auch harmonisch Tabak- und Teemakelei mit der Produktion von Genever.

An diese Teemakelei war meine Mutter – wie an Schnapsbrennen und Tabakanbau – durch Zufall oder Fügung geraten. Mag man es sehen, wie man will. Eine alte Dame – ich sage bewusst Dame, denn das war sie trotz ihrer Ärmlichkeit – für die meine Mutter aus einem abgelegten, gewendeten Wehr-machtsmantel einmal zwei Röcke nähte, wurde nach Kriegsende von greifbarem Glück heimgesucht.

Vor den heranstürmenden Roten aus Schlesien ge-flohen, war ihr Lebensschiff in Wilhelmshaven ge-strandet. Genauer – im Barackenlager an der Maade in Altengroden.

Baracke vier – Stube sechs. Vier mal vier Meter im Karree, keine Heizgelegenheit – Kochherd für vier Parteien auf dem Flur - Toilette und Wasch-gelegenheit über den Hof. Ein Kanonenofen aus Militärbeständen half Frau Z. die ersten Winter zu überstehen. Meine Mutter hatte ihn gegen eine Flasche Geistesblitz und eine Seite Speck im Breddewarder Arbeitslager für sie eingetauscht.

Schon der erste Winter ohne Ofen hätte sie eiskalt zerbrochen. Im Vergleich zu ihrem zurückge-lassenen Heim in Schlesien, war es für sie ein Absturz in die tiefsten Tiefen. Aber wer hatte schon Zeit, solche Vergleiche anzustellen. Dazu ließ den Menschen der tägliche Kampf ums Überleben keinen Raum. Das vergleichen kam später, als auch diese tiefsten Tiefen schon wieder Vergangenheit waren. Als Vergangenheit verliert die Gegenwart ihre Schrecken.

 

Frau Z. nenne ich sie – hatte im Kriege ihren Mann verloren. Polen, 1. September 1939 – der erste Tote am ersten Kriegstag. Um drei Sekunden lag Soldat Z. in der Statistik der glorreichen Verluste vorn. Einen Ehrenplatz im Gedenken hatte man ihr für ihren Mann zugesichert – es wurde nicht einmal ein Platz auf einem regulären Friedhof daraus.

Ihre Seele irrte durch die Zeit – auf der Suche nach einer Gelegenheit zum Abschiednehmen von ihrem Gefährten. Dieses Glück ist ihr bis zu ihrem Ende nicht zuteil geworden.  Der Verlust drückte sie.

Noch mehr drückte sie aber die unerreichbare Ferne ihres einzigen Sohnes.

Rudolf war als blutjunger Mann zu Beginn der Weltwirtschaftskrise nach Amerika ausgewandert. Die neue Welt, jenseits vom Atlantik gelegen, ver-sprach europäischen Kulturlandhungerleidern gol-dene Berge – die sich bei näherem Hinsehen dann oft als Fata Morgana erwiesen.

Das Pionierleben im Wilden Westen war längst ein Relikt der Vergangenheit. Die Kriegsentwicklung in Europa holte dagegen in den USA – wie bei uns in den Anfangsdreißigern die Wiederbewaffnung – auch viele Arbeitslose von der Strasse.

Rudolf war Anfang 33 US-Bürger geworden, nach-dem er sich bei Onkel Sams Bannerträgern um eine Uniform beworben hatte.

Auf diesem Wege blieb ihm später der Aufenthalt in einem der zahlreichen amerikanischen Internier-ungslager erspart.

Abkommandiert wurde er nach Kriegsende nach Bremerhaven. An der Unterweser fungierte er als  Verbindungsoffizier in der Truppenversorgung. Das war das greifbare Glück der Frau Z.

Wer nun glauben mag, die Lebensumstände der alten Dame hätten sich durch die Nähe, und den Rang ihres Sohnes, in allen Dingen geändert, weiß nicht um die diffizilen Verhältnisse in diesem Mosaik von Nationen – oder besser gesagt Macht-interessen.

Bremerhaven war amerikanische Domäne – aus taktischen Erwägungen der Amerikaner heraus. Der Seeweg besaß in dieser Zeit noch die Priorität gegenüber der Versorgung durch die Lüfte. Somit war Bremerhaven die Anlaufstelle – sozusagen der Mund, durch den dem Körper US-Armee in Deutschland die Nahrung zugeführt wurde.

Angehörige der Armee hatten Kontakte zum Verlierervolk tunlichst auf das Nötigste zu be-schränken. Die Pflege von familiären Bindungen wurde nicht gern gesehen. Entweder war man ganz in ‚Stars and Strips’ gekleidet – oder gar nicht! Zu den unteren Bevölkerungsschichten gab es auf jeden Fall keine Privilegierung.

Hinzu kam noch, Wilhelmshaven war in der britischen Zone gelegen. Waren die US-Amerikaner auch in der englischen Sprache zu Hause – in den Herzen ihrer britischen Vettern suchte man sie häu-fig vergebens.

Nicht von ungefähr, denn die neureichen Ver-wandten von jenseits des Atlantiks verteilen ihre milden Gaben seit jeher schon mit Vorliebe an Volksgruppen und Nationen, deren Stolz sich nicht in der gleichen Höhe wie der ihre aufhält.

Bei den Inselbewohnern im Nordwesten Europas stieß diese Eigenschaft der abtrünnigen Aussiedler schon immer auf Ablehnung. Mag es auch manch-mal anders scheinen.

Nun waren in dem Lager an der Maade -  Baracke vier, Stube sechs - durch Schicksals Fügung Talent und Möglichkeit aufeinander getroffen. Meine Mutter hatte Talent und Möglichkeit, Produkte unters Volk zu bringen – Frau Z. hatte einen Sohn, und dieser Sohn wiederum hatte Talent und Möglichkeit Produkte zu besorgen.

Das miteinander verketten - das Zusammenspiel der Kräfte - musste nur sorgfältig bedacht werden. Geschafft haben die Drei es – fürwahr. Zweimal die Woche machte sich nun nächtens ein Willi auf den Weg über die Weser – quer durchs Butjadinger Land, über die Jade bis hin zur Baracke an der Maade.

 

Willi war kein Soldat aus Fleisch und Blut – Willi war ein flinker grüner Jeep mit einem leuchtenden weißen Stern auf der Kühlerhaube– das Dienst-fahrzeug des Colonel Rudolf Z.

Auf der Tour hin nach Altengroden befand sich an Bord jedesmal zehn Pfund schwarzer Tee – gut getarnt und verpackt in einem olivgrünen Benzin-kanister.

Damit etwaige britische Kontrolleursaugen nichts von ihrem Nationalgetränk zu sehen bekamen, denn an Tee herrschte auch bei den ‚Tommis’ große Knappheit.

Der Vorrat an Tee war bei ihnen noch knapper, als ihre Zuneigung zu den Yankees – nur, nach Tee war das Verlangen um einiges größer.

Der Aufenthalt in Baracke vier dauerte nur immer gerade so lange wie der Warenwechsel an Zeit beanspruchte. Warenwechsel – natürlich! Wer ist denn schon so blauäugig, und denkt an Tee-geschenke! Für längeres Verweilen an der Mutter Brust war dem Colonel keine Muße gegönnt, denn zum morgendlichen Appell auf dem Bremerhavener Kasernenhof musste der sterngeschmückte Willi stets sein „Yes Sir“ hupen.

Fettigkeiten – wie es profan hieß – gingen den Weg durch die Marsch zurück ins Amiquartier an die Unterweser. Nicht, daß die Abgesandten von Onkel Sam am Hungertuch nagten – das wäre ein völlig falsches sich vorstellen der Gegebenheiten. Es war eher so, daß die Welt der schnellen Völle – auch damals gab es in den USA schon Vorläufer von Mc Donalds – den behelmten Friedensboten mit dem Sternenbanner zum Halse heraus hing.

Handgemachte Butter aus den ostfriesischen Butter-fässern, frischer handgeschöpfter Käse und kernige hausgeschlachtete Fleischprodukte. Das alles ließ die Yankeeherzen höher schlagen – die Genüsse reg-ten die Speichelbildung an, und ließen den Fremd-ländern das Wasser im Munde zusammen laufen.

Für den Colonel war es außerdem noch ein gutes Geschäft, denn ich denke, Onkel Sam hat keine Rechnung gestellt für den Tee und die Fahrten nach Altengroden - und auch keine Steuern geschöpft aus den Lustgewinnen.

Der Sohn hat aber seiner alten Mutter trotzdem keine würdigere Behausung verschafft – sie ist in Baracke vier, Stube sechs gestorben. Er war eben doch ganz Amerikaner geworden. Oder sollte es tatsächlich deutsche Kinder geben, die sich genauso verhalten hätten?

Der Begriff Fettigkeiten ist für nicht dabei gewesene sicherlich eine vieldeutige, vielleicht auch unver-ständliche Begrifflichkeit.

Wer damals Kohldampf schob, wem der Anblick seiner eigenen Rippen ein vertrauter war, der kann sich noch ein Bild davon machen.

Butter und Speck bildeten die Palette – Käse, Wurst und Schinken rundeten das Bild. Nur – damals für Normaldeutsche ohne Land und Vieh – oder zumindest hochkarätige Beziehungen - ein Traum. Von Träumen wird Kreatur aber bekanntermaßen nicht satt. Das hat bislang jedenfalls noch niemand schlüssig bewiesen. So sehr man sich in den Etagen, in denen die vollen Bäuche zu Hause waren, auch darum  bemühte den Beweis zu erbringen.

Mit dem Fahrrad, an dem auf den Felgen statt praller Luftschläuche Feuerwehrschläuche sich mit den holprigen Strassen herum schlugen, gelangte die wertvolle Fracht von Altengroden aus in unsere heimische Küche.

Danach traten wir Kinder in Aktion. Portionieren – feinwiegen – eintüten. Unsere Hände waren gefragt, denn jede Minute, die meine Mutter früher in die Pedale treten konnte, garantierte mehr Absatz – besser gesagt mehr Warenumtausch.

Der Gegenwert dafür war schon gewichtig. Ein vier-tel Pfund Tee wechselte für zwei Pfund Butter den Besitzer. Eine Seite Speck beanspruchte das gleiche Gegengewicht.

Meiner Mutters Fahrrad stöhnte des Abends ganz schön unter der Last des Erfolges – es hatte sicher-lich oftmals einen gehörigen Rahmenkater. Sofern Fahrräder solcher Empfindungen überhaupt fähig sind.

Ich habe mich später oft gefragt, wieso meiner Mut-ter solcherart Geschäfte in der Zeit des Hunger-leidens so reibungslos gelangen. Das mich selbst fragen hätte ich mir jedes Mal sparen können, denn wenn ich mir diese Frage stellte, wußte ich im gleichen Moment, daß ich die Antwort ja kannte!

In meiner Mutters Bagage war immer ein Schmier-mittelchen gegen plötzlich quietschenden Neid. Bei den obligatorischen Kontrollen zwischen den Bau-ernschaften mit wechselnder Kasernenzuständigkeit waren es zum Beispiel verschiedene Feuerwässer-chen, oder kleine Tütchen mit Krüllschnitt der ‚Marke Eigenbau’.

Der kreuz und quer durchs Land ziehende radelnde Handelsdampfer – als der meine Mutter bekannt war – traf mit Sicherheit das richtige Verlangen in den Köpfen unter den oft speckigen Uniformmützen.

Speckige Uniformmützen  - wird dieser oder jener fragen – wo gab’s denn so was?

Im Ernst – auch so etwas gab es. Man denke nur an die fast vergessenen Serben. Die ohne Unterstützung irgendwelcher Freunde, fernab des Balkans sich durch die dahin fliegenden Jahre schlagen mussten – immer argwöhnisch, ja, ängstlich  beäugt von den Menschen um sie herum. Weil sie anders waren als die anderen.

Das konnte man ihnen doch ansehen. Wie war das noch mit der Rasse? Hatte nicht Dracula in grauer Vorzeit da irgendwo gelebt – wo diese Russen-freunde zu Hause waren? Oder wenigstens ungefähr! Sie waren doch Verbündete Stalins, diese Serben – das mussten doch Blutsauger sein!

Kinder – seht euch vor! Diese Warnung klingt mir Heute noch in den Ohren. Ihren Kindern Angst vor den serbischen Kasernenbewohnern einzupflanzen war vielen Eltern wichtig.

Wichtiger wäre es wahrlich gewesen, den Erwachs-enen der Zukunft das Wissen um die Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit mit auf den Weg zu geben.

Ihnen die Chance zu geben, aus den Fehlern ihrer Eltern zu lernen. Leider sind die Seiten 1933 - 1945 im Buch des Geschichtswissens vieler Nachkriegs-schüler unbeschrieben.

Bei uns zu Hause wurde darüber nicht geredet!

Kein Satz ist mir in Gesprächen mit Angehörigen meiner Generation so häufig vorgesetzt worden, wie dieser.

Als nachdenken nicht selten hinterher: Natürlich - wenn Papa mit seinen Kriegskameraden zusammen-saß, sprachen sie über ihre Erlebnisse – wenn wir Kinder in hörbare Nähe kamen, standen plötzlich andere Themen im Raum.

Heute kommen diese Väter und Mütter mir manch-mal vor wie Kinder, die ein böses Geheimnis mitein-ander teilten. Viele Mütter sagten sowieso bloß immer: Seecht jo för de Suldoatens vöör! (Hütet euch vor den Soldaten!)

Das war im Allgemeinen, und auch wohl im Besonderen, an die Adresse der Töchter gerichtet. Nicht das unbedingt die Sorge um die körperliche und seelische Unbeflecktheit der Mädchen im Vordergrund stand – es war wohl eher die Angst, einen Bastard sein Enkelkind nennen zu müssen – einen Mischling in der Familie zu haben. Schande, Schande. Man sah ja, wie es zuging – oder stellte es sich wenigstens bildlich vor – wenn so ein Flittchen sich mit „de frömmden Suldoaten inleet“. (mit den Soldaten einließ)

Flittchen – das waren dann junge Witwen oder Frauen, deren Körper häufig - trotz der Ehemänner im Hause - ein Witwendasein führte, denen die Po-tenz der Balkanesen ganz einfach ein wenig Freude bereitete.

Freude, die man manchmal sogar in den Gesichtern wiederfinden konnte. „Unsittliche Freude !“

Aber wie hat schon Fritz de Crignis einmal festgestellt? Unsittlich nennen viele das, was sie  selber gerne täten – wenn sie es könnten!

Die Männer – Ehemänner – taten sich nicht so schwer. Sie teilten nicht selten ein in Moral für die Familie und Moral für den eigenen Gebrauch.

So wie ein Pastor aus dem Sprengel – der wort-gewaltig und tätlich wüten konnte, wenn er Unrat roch – aber in fremden Schuhen zu laufen – da hatte er keine Hemmungen. Da hatte für ihn das Sprich-wort „Schuster bleib bei deinen Leisten“ auf einmal keine Bedeutung.

„Mann“ wußte ja in aller Regel, wo ein „Frauen-zimmer“ wohnte, das bereitwillig die Beine breit machte. Ob sie es aus Spaß an der Freude oder aus Lebensnotstand tat war nicht immer sauber zu trennen. Danach wurde aber auch ganz bestimmt nicht gefragt, wenn der kleine halsstarrige Freund in der Hose nächtens vor den Fenstern dieser „Voosen“ (leichtfertige Frauen) auf Erleichterung drängte.

 

Während ich vor dem Wissenstempel bibbernd auf das Vögelchen aus dem schwarzen Kasten warte, steustert Jürgen an mir vorbei.

Er hat keine sorgende Mutter hinter sich, die ihn drängt, für ein Foto zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag stillzustehen. Jürgen ist für mich weniger Spielkamerad – er ist mehr zufälliger Nach-barsjunge. Der letzte Sproß in einer an Kindern reichen Familie. In den Startjahren der Nazidiktatur waren seine Eltern aus den Klüften des Elbsand-steingebirges nach Schlicktau gezogen. Von wegen des Vaters Hilfe beim Aufbau der Kriegsmarine zum Schutz der arischen Volksgemeinschaft.

Arier mussten es sein, die deutsche Luft atmeten. Arier – auch da zeigt sich einmal mehr die Fähigkeit einer Menschenherde, das vernünftige Denken auszuschalten.

Des Lesens kundige hätten doch spitzohrig in die Welt schauen müssen, als sie von einem Alpen-erdling aus Braunau als Iraker und Inder klassifiziert wurden. Oder sollte ernsthaft niemand gewusst haben, daß sich diese Völker im Altertum selbst als Arier bezeichneten?

Als „nordische Rasse“ konnte ein Volk doch nur jemand benennen, der mit seinen Füßen auf judäischem Boden stand.

Auf judäischem Boden haben die Eltern des kleinen Zufallnachbarsjungen garantiert nie gestanden, be-vor sie der arischen Euphorie anheim fielen.

Unter der mit dem goldenen Gebärlustkreuz dekorierten Brust seiner Mutter befand sich auch wohl ein gespaltenes Empfinden – denn das Ende der Austragungszeit ihrer Leibesfrüchte erlebte die so ausgezeichnete oft verborgen in den sächsischen Bergen, damit der neugeborene Volksnachwuchs die christliche Taufe erhielt.

Sicher war sicher – man wußte ja schließlich nicht, wie lange der Papa seinen rechten Arm noch in die norddeutsche Luft strecken konnte. Der Papa, der mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften den Posten des stellvertretenden Ortsgruppenleiters der NSDAP ausfüllte.

Mit markigen Sprüchen und ebensolchen Schritten durchmaß er pflichtbewusst die Wohnkarrees, ob in den Häusern auch ganz sicher vorschriftsmäßig Fenster und Türen verdunkelt waren.

Er gehörte zu den Kämpfern an der Heimatfront – mit vielfachen Aufgaben überfrachtet.

Als ihre wohl schwerste Aufgabe betrachteten gar viele dieser wackeren Ideologiesoldaten das Bemüh-en, bei einsamen Frontkämpferswitwen den Topf mit der fleischlichen Lust nicht anbrennen zu lassen.

Zum Teil sogar mit behördlicher Lizenz – als amtlich bestellte Vormünder für den Stall voller Kinder. Nur noch blonde und blauäugige hehre Lichtgestalten in die Welt zu setzen - das war das Fernziel der Chefideologen.

 Kinderproduktionsstätten wurden extra dafür eingerichtet.

Wem sagt die Aktion Lebensborn schon noch etwas? Lebensborn als Synonym für reinrassigen Arier- nachwuchs. Nach ethnischen Katalogvorgaben aus-gesuchten jungen Frauen bot man ein Leben wie Gott in Frankreich.

Fern aller Bedrängnis – fern aller Sorgen und Nöte. Ihre einzige Aufgabe bestand darin, sich von großen, blonden Kriegern schwängern zu lassen, und die Leibesfrucht auszutragen. Wenn ich heute an manchen Orten Straßenschilder sehe mit der Be-zeichnung Lebensborner Weg oder Strasse, graust es mich ehrlich, ob dieser Instinktlosigkeit mancher Namensfinder in den Rathäusern. 

Der Begriff KdF ist dagegen in älteren Köpfen noch geläufiger.

Kraft durch Freude – ein edles Ziel, allen Volks-genossen die Freizeit zu uniformieren.  Eine Idee dieses Paketes läuft und läuft und läuft ja immer noch über die Strassen der Erde.

Die Bunker aus dieser Epoche stehen auch noch an den Strassen dieser Erde, als ich mit der Schultüte im Arm und dem Ranzen auf dem Rücken unge-duldig dem Knipsonkel zuschaue. 

Epoche - ich zweifle, ob man diesen Abschnitt Zeit  so bezeichnen kann – aber ich denke schon, denn tausend Jahre Grausamkeit und Verbrechen sind schon epochal – besonders dann, wenn sie in nur zwölf Jahre Zeit gepresst  sind.

Runde und viereckige Betonklötze sind es  - in aller Eile aus dem Boden gestampft. Wie viel mensch-liches Leiden ist in diesen unzähligen Millionen Tonnen Beton eingeschlossen.

Wie viel Blut und Tränen zwangsdeportierter Arbeitskräfte sind in diesen Wahnsinnsmassen zu-rück geblieben?

Die endlos Geschundenen, die Toten, und die, die den Horror überlebten, haben sich selber ein Denk-mal gesetzt.

Die Zahl der Köpfe, die dieser Menschen gedenken, wenn sie an so einem Schutzbau vorübergehen, erreicht bestimmt nicht einmal die Einwohnerzahl eines mittleren Dorfes.

Als endlich die Bunkerwerke für die zivile Bevöl-kerung vollendet waren, hatte der mit Geschwind-schritten heran eilende Waffenstillstand schon fast den Krieg – der sich auf der Seite der Achsenmächte nur noch auf blutigen Beinstümpfen fortbewegte – eingeholt.

Auf der letzten Geraden bot er den Frauen einiger Parteibonzen noch die Gelegenheit, dem Gesindel – oder hatte sie Pack gesagt, die Frau Gefolg-schaftsführer Klinger, wahrscheinlich beides – zu zeigen, was man in Schränken und Truhen ver-wahrte.

Eine dieser Schranzen tat sich besonders hervor.

Bei Fliegeralarm strebten alle in die endlich fertig-gestellten Bunker – man schrieb schon das Jahr 1944 – die Angriffe der fliegenden Festungen mit den blinden Piloten an den Steuerknüppeln wurden täg-lich massiver.

Frau Ortsgruppenführer nutzte diese Gelegenheiten, um ihre Pelzmäntel den frierenden und hungernden Volksgenossen vorzuführen.

Die Menschen sollten doch eine Vorstellung davon bekommen, wie gut es denen ging, die gnadenlos dafür sorgten, daß die Befehle des Führers und die Anordnungen der Partei durchgesetzt und befolgt wurden.

Führerbefehle und Parteianordnungen - das war doch das gleiche – höre ich laut in einigen Köpfen derer denken, die noch bewußt dabei gewesen sind.

Ein Irrtum – es war nur eine später oft angeführte Entschuldigung der Ausführenden vor Ort. Führer-befehle kamen von oben – richtig.

Da wagte niemand, unterhalb der Ebene Göbbels, Göring, Himmler und Konsorten auch nur ansatz-weise, eigenmächtige Handlungen als Führerbefehl auszugeben.

Anordnungen der Partei dagegen entsprangen in nicht wenigen Fällen den kranken Hirnen der ortsansässigen Funktionsträger. Egal auch, um was es sich handelte und was dabei herauskam – man hatte ja keine Repressionen zu fürchten. Ein Leben galt da gar nichts.

Die eiserne Regel: „Die Partei hat immer recht“ durfte durch nichts untergraben werden. Diese De-vise rechtfertigte fast jedes Handeln, deckte viele Untaten schneidiger Parteifunktionäre – ob blutig oder unblutig.

Das mussten die, in der Mehrzahl mit Angst erfüll-ten und um ihr eigenes Leben bangenden Menschen begreifen. Und sie hatten es begriffen.

Wie zum Beispiel Günther aus dem kleinen Haus da am Ortsausgang – dicht unterm Deich.

Günther – fünfzehn Jahre alt – gerade aus der Schule entlassen – zweites Lehrjahr. Begeisterter Fähn-leinführer – eigentlich ein halbes Jahr zu jung, aber trotzdem fleißiger Flakhelfer.

Im Kopf nicht dumm, die Zeugnisse brillierten – obwohl der Glanz, der auf den Zensuren lag, ohne seine Obrigkeitsbegeisterung sicherlich nicht ganz so strahlend gewesen wäre.

Seine Eltern waren nicht so begeistert von der Begeisterung ihres Sprößlings, aber das behielten sie nach außen hin tunlichst für sich.

Sie wollten ihre Köpfe nicht verlieren, die dann ihrem Sohn bei seinem Fortkommen als Hindernisse im Wege gelegen hätten.

Der Vater trug die Folgen einer Verwundung mit sich herum, die er sich – gerade achtzehnjährig – in des Kaisers letzten Schlachten zugezogen hatte.

Jeder sah es ihm beim Laufen an. Er hinkte rechts-seitig. Wormann senior war nicht so recht kriegs-diensttauglich

Dieser Umstand wurmte den Filius ungeheuer. Bis ihm in seinem irregeleiteten Denken Befriedigung zuteil wurde.

Die missbräuchliche Nutzung der segensreichen Ein-richtung Volksempfänger habe des Volksgenossen Wormann volksschädliche Gesinnung offenbart - wie der Ortsgruppenleiter öffentlich verlauten ließ, als er Filius Günther ein schmuckes, ehrenvolles Schleifchen an die linke Braunhemdentasche heftete.

Aber der Fleiß seines Sohnes, sein eigenes Beken-nen und seine tiefe Reue hätten von Vater Wormann eine Anklage vor dem Volksgerichtshof und eine an-schließende gerechte Verurteilung noch mal soeben abgewendet.

Wie so etwas ausgegangen wäre, konnte sich jeder, dessen Gehirn den Kinderschuhen entwachsen war, vorstellen.

Was machte man mit Volksschädlingen? Sie wurden eliminiert – standrechtlich oder anderswie. Das kam auf den Richter oder die Umstände an. Weniger auf die Schwere des Vergehens. Diese Sichtweise war willkürlich.

 

Übrigens – die Bezeichnung Volk war neben dem Begriff Führer mit Sicherheit das am meisten ver-wendete Wort in dem Dutzend Jahren und dreizehn Wochen deutscher  Blutgeschichte. Was war gesche-hen?

Vater Wormann hatte das deutschsprachige Pro-gramm des englischen Feindsenders gehört. Einfach nur, weil er wissen wollte, welche Wahrheiten das Lügenpaket der eigenen Regierung nicht enthielt.

Das war seinem Sohn eine Meldung an seinen Zug-führer Tobby wert. Tobby konnte so eine schwere Ungeheuerlichkeit natürlich nicht in seiner eigenen Vorratskammer verwahren – die hätte ihm ein Loch ins Gewissen gebrannt.

Man könnte mich jetzt verwundert fragen in welches – ich muß einräumen – nach Tobbys Gewissen zu suchen, wäre wohl vergebliche Liebesmüh gewesen. Er besaß nämlich keines – ich habe wenigstens auch später nichts ähnlich Geartetes bei ihm entdecken können.

Pflichtbewusst reichte der Jungvolkzugführer diese brandheiße Neuigkeit weiter. Auf dem Weg nach oben wurde diese Meldung immer wertvoller – so wertvoll, daß man Vater Wormann ein Geschenk da-für machte. Man erklärte ihn für kv – kriegsver-wendungsfähig. Natürlich nicht als Soldat in Uni-form – das wäre zuviel der Ehre gewesen. Nein, nein – er wurde dienstverpflichteter Zivilist.

Den Witwen von dienstverpflichteten zivilen Kriegs-teilnehmern wuchsen nämlich in der Regel keine Versorgungsansprüche zu.

Eine sehr wohldurchdachte ökonomische Maßnahme der Staatskassenwächter, die allerdings unzählige allein gebliebene Frauen im Nachhinein an der Gerechtigkeit der Vaterlandsführung zweifeln ließ. Den immer wieder lauthals versprochenen Dank des Vaterlandes hatten sie sich etwas anders vorgestellt.

Der mit Glück, und durch die Großherzigkeit des Ortsgruppenleiters an Kz-Aufenthalt oder gar Erschießung durch ein Exekutionskommando vorbei gekommene Vater Wormann, bekam von der Wehr-machtsführung spontan eine Reise in das osteuro-päische Paradies geschenkt – wo es ihm anscheinend wohl so gut gefiel, daß er nicht wieder heimge-kommen ist.

Auf jeden Fall bedeutete die Freifahrkarte an die russische Front – lautend auf „einfache Fahrt“, Rück-Fahrkarten wurden vorsichtshalber nicht aus-gestellt, weil man ja nicht sicher war, ob jeder zurück wollte -  eine ungeheure Aufwertung seiner Persönlichkeit. Wenigstens in den Jungenaugen seines Sohnes, diesen Augen, die nicht wissen konnten, daß sie den Vater nicht wiedersehen wür-den.

Günther allerdings durfte das Geschenk an seinen Vater abarbeiten – denn – auch Geschenke des Staa-tes waren nicht umsonst. Es sei denn, willfährige Staatsdiener waren die Beschenkten.

Der Volkssturm sah den dienstgradmäßig aufge-rückten Wohltäter seines Vaters als Jungscharführer – beim einrichten der letzten Hürden – beim Bau von sogenannten Panzersperren. Was war er stolz darauf, befehlen zu dürfen.

Ich sage bewußt sogenannte Panzersperren, denn das aufeinanderstapeln und verkeilen von Eisenbahn-schwellen, Weidezaunpfählen und Telegrafenmasten hatte mehr die Funktion von Scheuklappen, wie man sie von Pferden her kennt.

Scheuklappen für die Restbevölkerung, damit sie das, von den Seiten herannahende Ende nicht sahen.

Die Panzer der feindlichen Truppen lachten sich nämlich halbtot, angesichts dieser Übungsobjekte. Immer vorausgesetzt, Panzer können überhaupt lachen. Entweder walzten sie die Hindernisse schlicht und einfach mit ihrem Gewicht und ihren Ketten platt, oder ihr Weg führte sie darum herum.

Da sahen die Panzerfahrer auch ein zufällig im Wege stehendes Häuschen nicht als Hindernis an. Diese enttäuschende Erfahrung haben die wackeren Volksstürmler aber erst nach der Vollendung ihrer Kunstwerke gemacht.

Wiedergesehen – wenn überhaupt – haben sich Vater und Sohn erst in himmlischen Höhen.

Vater Wormann ist nämlich vermutlich an Magen-verstimmung gestorben, als er in das gefrorene russische Gras beißen musste. Sohn Günther folgte ihm auf diesem Wege, bei dem Versuch, einen britischen Panzer partout davon abbringen zu wollen eine soeben fertiggestellte Straßensperre zu zerstö-ren.

 

Auf diese Weise konnte Mutter Wormann ihre Trauer um ihre beiden Männer der Einfachheit hal-ber im gleichen Paket verstauen.

Die Tragik daran war, sie kannte niemanden, an den sie dieses Paket – daß sie in ihrer kleinen Küche von einer Ecke in die andere schob - schicken konnte.

An die Frau Ortsgruppenleiterin  ganz bestimmt nicht – die war vollauf mit ihrer Modenschau be-schäftigt.

Es war ja auch ein Laufsteg allererster Güte – die lange Klinkerstrasse zum Schutzraum.

Das strahlende Leuchten der hernieder schwebenden „Tannenbäume“ lieferte die kostenlose Illumination. Nicht das jetzt jemand an Weihnachten und Werbe-gags denkt. Es waren die schillernden Wegweiser für die anfliegenden Bomberpulks der Alliierten, die am nächtlichen Himmel hingen, während der Pelz-mantel mit Inhalt dem sicheren Unterschlupf zu-strebte.

Aber nicht alleine – wo denkt man denn hin! Zwei Haushaltshilfen aus dem nicht arischen Teil der Welt begleiteten sie.

Obwohl solche Haushaltshilfen in der Regel nur Müttern mit mehreren Kindern zustanden. 

Der agilen Frau Ortsgruppenleiter musste diese Mädchen keiner zugestehen – sie waren einfach Privileg der Bonzenkaste. 

Jede der vier Mädchenhände schleppte mühsam einen Koffer – voll mit Preziosen, gefüllt mit Sil-berbesteck, Schmuck und Rauchwaren.

Nur keine falschen Schlüsse ziehen – Rauchwaren nicht in Form von handgeschnittenen, mittel bis mäßig fermentierten, schornsteingetrockneten Ei-genbautabaksblättern – so nicht und keineswegs, das wäre ja Kleckerkram gewesen.

Rauchwaren in Form von edlen Pelzen beinhalteten die ledernen Behältnisse, die in der Sicherheitszelle des Bunkers die Luftangriffe abwetterten.

Die beiden Tragesel mussten derweil draußen vor dem Bunker beten, daß die Bomben woanders, und nicht gerade in ihrer unmittelbaren Umgebung,  einen Platz auf der Erde fanden, an dem sie ihre Wirkung entfalten konnten. Denn hinein in das schützende Innere durften die beiden Preziosen-trägerinnen  nicht. Wie war es noch mal mit der Luft, die nur Arier atmen durften?

Die Bunkerluft hätte ja durch den Atem der beiden Mädchen nicht wieder gut zumachenden Schaden genommen.

 

Nicht wieder gut zumachenden Schaden hat sicher auch die junge Frau genommen, die mit scheuem Blick in weitem Bogen den Fotografen umgeht, auf den ich noch immer mit trippelnden Füßen schaue.

Einen kleinen Menschen in meinem Format an der Hand führend. Die Haare auf dem Kopf des Kindes sind nur nicht streng gescheitelt wie bei mir, sondern lange dunkle Locken umrahmen das Gesicht.

Ein Mädchen ist es, daß da an der Hand seiner Ma-ma dem Schlaumachen zugeführt wird. Schlau-machen könnte seine Mama es in vielen Dingen auch.

Nur - das wird  die Mutter der kleinen Rita ebenso wenig tun, wie die Schulmeister uns Nachwuchs-demokraten - auf die sie innerhalb des Lerntempels schon mit wippenden Fußspitzen warten, schlau machen werden in punkto Geschichte des Nazi-deutschlands.

Nur die Beweggründe, warum sie es nicht tun, die unterscheiden sich von den Gründen der Mama wie Eisberg und Wüste.

Bei Ritas Mama ist es ein Eisberg, der ihr Gefühl umschließt. Ein Eisberg, der 1944 im Frühjahr ihre Seele erstarren ließ.

Sinnigerweise an einem wunderschönen Apriltag – mitten im strahlenden Sonnenschein. Das junge Mädchen Käthe hatte sich verliebt.

An sich, und von Natur her, nichts ungewöhnliches bei jungen Mädchen Das Ungewöhnliche daran entdeckten die Nachbarn in den Blutschande-gesetzen der Volksgemeinschaft.

Es war kein blondes, blauäugiges männliches Wesen aus ihrer Mitte, das Käthes Gefühle herausforderte. Da hätte man ja Hurra geschrieen, und sich auf den schwarzgebrannten Schnaps zur Hochzeit gefreut. Nichts war mit lustig.

Es war ein Geschlechtstier aus Polen, dem sie sich hingegeben hatte. Und sich auch noch dazu bekannte. So etwas schrie nach Sühne – diese Rassenschande besudelte ja das ganze Dorf – ach was – wenn es ungesühnt laut werden würde, den ganzen Gau.

Am besagten wunderschönen Apriltag zeigten die empörten Nachbarn Käthe, auf welche Weise eine solche Schande nur getilgt werden konnte.

Ihr Micha hing vormittags um elf – weil den Tätern anschließend wohl das Essen besser schmeckte - mit einem Kälberstrick um den Hals nackend am Stän-derwerk einer Scheune – mit kahlgeschorenem Kopf und abgeschnittenem Glied.

Vor diesem teuflischen Bühnenbild säbelten die Nachbarsfrauen der ohnmächtig gewordenen Käthe mit einer großen Schere die Haare ab, und die Männer rasierten anschließend die Reste ihres  Kopfschmucks.

Einzig die Schambehaarung ließen sie unangetastet – obwohl der eine oder andere Schänder da sicherlich auch noch gerne aktiv geworden wäre.

Nur – die Scham in ihrem Herzen konnte sie damit nicht bedecken, wenn die Leute in der Folgezeit mit hämischen Blicken an ihr vorüber gingen.

Das die Barbaren nicht mit Fingern auf sie zeigten, lag wohl an dem vielen Blut, das daran klebte.

Käthe, in ihrem Eisblock, brachte im November 1944, etliche Dörfer von der Schande entfernt, ein gesundes Mädchen zur Welt, mit dem sie an-schließend in die Stadt zu Verwandten zog.

So viele Tage, wie die Zeit bis zur Entbindung noch dauerte, so viele mal hat sie daran gedacht, ihrem Leben ein Ende zu machen.

Der Pastor im Dorf ihrer Tante, bei der sie unter-gekommen war, hat sie genauso oft davon abgehalten. Er hat dem Menschenkind Käthe unend-lich geholfen – aber er hat zu dem Unrecht, daß ihr von Mitgliedern seiner Gemeinde angetan worden war, geschwiegen. Auch späterhin.

Die Tatsache, daß der Hauptübeltäter von einem Vergeltungskommando der polnischen Armee, an eben demselben Ständerwerk, mit demselben Käl-berstrick im Mai 45 aufgehangen wurde, von dem aus ihr Micha in den Himmel fuhr, hat den Eisberg um sie auch nicht zum schmelzen gebracht. Die Liebe zu ihrer kleinen Tochter, die die Fortsetzung der Liebe zu ihrem Micha ist, hilft ihr seitdem durch die Zeit.

 

Hier weiß niemand von dem Geschehen. Diejenigen die es getan hatten und diejenigen, die davon wuss-ten errichteten um diese Vorkommnisse eine Mauer des Schweigens.

Das sich schämen über ihr Tun wird die geringste Menge an Baustoff für dieses Bollwerk geliefert haben. Wie war es doch gleich mit der Erleich-terung, unbehelligt davon gekommen zu sein – auch wenn die eigene Schuld noch so klein war?

In den Köpfen über den wippenden Füßen, die darauf warteten, uns Nachwuchsdemokraten für das Leben fit zu machen, hatte die Erleichterung über das nicht bekennen müssen ihres Teils der Schuld weiße Flecken im Erinnerungsvermögen verursacht. Geschichte hatte für unsere Lehrer eine Zeitlang nicht stattgefunden.

Nicht das nun jemand von den Jüngeren denkt, uns wurde rein gar nichts vom Zeitlauf beigebracht.

So nun auch wieder nicht. Von den von Germanen besiegten Römern im Teutoburger Wald über die rostigen Ritter im Mittelalter bis hin zu Kaiser Wilhelm und Bismarck – ja sogar von Friedrich Ebert und Reichspräsident von Hindenburg erfuhren wir noch.

Die Vermutung, daß der alternde General und Reichspräsident zum Ende der Weimarer Republik etwas senil war, bildete stets den Schluß des Ge-schichtsbildes, und den Übergang zu den weißen Flecken in ihren Köpfen. Mit der geistigen Schwäche des Eisenfressers Paul war ja alles hinreichend entschuldigt.

Wir haben natürlich nicht nachgefragt. Wie sollten wir auch.

Nur den größten Feldherrn aller Zeiten, der es fertig brachte, hundert Millionen Volksdeutsche der Sonne so nahe zu bringen, daß in der Gluthitze ihre Gehir-ne die Denkfähigkeit verloren – der versuchte das Weltklima aufzuheizen, indem er einfach zehn Millionen Menschen als Brennmaterial verbrauchte – der es fertig brachte, daß aus Deutschland und Teilen Europas ein großer Trümmerhaufen wurde  - den haben sie uns in der Schule vorenthalten. Die Schuld am nicht wieder gut zumachenden Schaden in Teilen Asiens und anderswo haben nicht weniger schlimme Kreaturen in Nordamerika mit ins Grab genommen.

Man hat uns nicht die wunderschönen Bilder ge-zeigt, auf denen das Elbparadies Dresden als Ergeb-nis der freundlichen amerikanischen Kriegsbeendi-gungshilfe nur noch als riesiges Massengrab zu sehen war.

Vielleicht befürchteten unsere Lehrer am Klassenpult, uns würde die Schulspeise der US Wohltäter wieder hochkommen.

Über den Untergang der Titanic wußten unsere Lehrer bildhaft und lebendig zu berichten – schilderten uns das Schiffsunglück als die größte Katastrophe, von der die Seefahrt je heimgesucht wurde.

Aber nur einmal mit dem Zeigestock auf der Land-karte die Stelle zu bezeichnen, an der ein russischer U-Bootkommandant über zehntausend Flüchtlingen einen Platz am Grunde der Ostsee zuwies – sozu-sagen als Geburtstagsgruß zum zwölften Jahrestag des Großdeutschen Reiches – hat man sich nicht getraut.

Warum wohl nicht?

Verschwieg man es aus Scham, weil man sich von einem kleinen österreichischen Gefreiten verführen ließ?

Wenn er wenigstens noch aus Wien gekommen wäre – dann hätte man es als  späte Rache der K und K Monarchie an den Vettern von nördlich der Alpen hinstellen können.

Aber nein – Braunau am Inn – wo liegt das über-haupt, dieses Kuhdorf – aus Braunau am Inn musste er auch noch gerade kommen – der Heilsbringer.

Denn das musste er ja gewesen sein. Wie anders sind die großen Huldigungen der Würdenträger aus dem Kirchenstaat zu verstehen.

Des heiligen Petrus Nachfolger auf Erden schließt doch schließlich bloß mit Heilsbringern Konkordate. Oder sollte den Kirchenfürsten das eigene Hemd doch näher gesessen haben, als der Heiligenschein?

Fürchtete man im Vatikan gar, Teile der Kirchen-reichtümer zu verlieren, wenn man kein Weihwasser über die KZ-Baracken verspritzte? Oder war es schlicht Großmütigkeit den Deutschen gegenüber? Ich sperre mich nämlich gegen die Vermutung, die Kirchenfürsten hätten der gleichen Ideologie gehul-digt.

Denn in bella Italia brauchte man keinen Import-heilsbringer. Die Italiener konnten einen eigenen vorweisen – Mussolini. Und was war das für ein Prachtexemplar! Der hatte zu seinen Lebzeiten sei-nen Gefolgsleuten für nachher nicht die Möglichkeit verbaut, sich mit den Alliierten gegen die eigenen Waffenbrüder zu verbünden.

Der hatte die Deutschen sein Land von unwertem Leben säubern lassen. Von wegen der eigenen sau-beren Hände.

Man hatte ja nicht das Pech der Österreicher, mit Germanien eine gemeinsame Grenze zu haben, son-dern profitierte im Gegenteil anschließend noch von der Reichsanhänglichkeit der Alpenbewohner.

Die Südtiroler Bergbauern mussten plötzlich auf italienisch jodeln. Wie haben die sich wohl gefreut!

Gefreut hat sich auch ein gestandener Seemann – in der Nacht vom 4. auf den 5. Mai 1945. Er war einem Marschbefehl nicht gefolgt – schlicht und einfach, weil er sein Schiff verpasst hatte. Sein vom Selbst-gebrannten schwerer Kopf benötigte für den Weg zum Hafen etwas zu lange.

Drei Stunden später, die Wanduhr zeigte ein paar Minuten vor elf – holte ein gewisser Edwin aus der Nachbarschaft, seines Zeichens stellvertretender Ortsgruppenleiter, ihn in Begleitung von zwei Ket-tenhunden ab.

Es könnte jetzt jemand auf die Idee kommen, Edwin sei Hundehalter und Tierfreund gewesen. Mitnichten – Kettenhunde lautete die landläufige Bezeichnung für die Feldgendarmen.

Diese Bezeichnung ist in der heutigen Bürgerarmee moderater: Feldjäger sagt man elegant. Klingt nur noch nach Hasentotschießer – und nicht mehr nach Menschenbeißer. Auch ein gewaltiger Fortschritt.

Wie ich schon erwähnte, Edwin war, in seiner  Eigenschaft als linke Hand des Sprengelhäuptlings  Amtshilfeperson und Hundeführer. Die rechte Hand war der Sachsenspiegelfechter aus den zerklüfteten Höhen des Elbsandsteingebirges. Deserteure, Fah-nenflüchtige oder einfach der Barbarei entflohene Zwangsarbeiter ausfindig machen, und der Gerech-tigkeit zuführen, das war seine Aufgabe.

Dafür reichten die Kugeln in den Gewehren noch allemal.

Der Kieler Marinerichter Filbinger – ja genau der joviale Dr. Filbinger aus dem Südländle – vielen nachgewachsenen Bürgern besser bekannt als föde-raler Ministerpräsident – hat sich noch Wochen nach der offiziellen Kapitulation  daran gehalten.

Man konnte doch nicht so mir nichts dir nichts Justitias Prämissen über Bord werfen.

Ein solches Denken und Handeln hätte unweigerlich  ins Chaos geführt.

Die so lapidar begründeten, verbrecherischen Urteile sind Jahrzehnte später fein säuberlich von ordent-lichen Gerichten bestätigt worden.

Ein wahrhaft ewig gültiger Persilschein. Auf welch-em jungfräulichen Berg befanden sich diese Moral-apostel eigentlich?

Der abgeführte stramme Seemann schaute jedenfalls schon mit einem Auge ins Jenseits, als kurz nach Mitternacht die Übergabe der Festung Wilhelms-haven an die Truppen der alliierten Streitkräfte bekannt gegeben wurde..

Der frisch festgenommene Seemann konnte seine Beinkleider reinigen, und sein Herz wieder an die rechte Stelle rücken. Das hatte nämlich die letzte Stunde in seiner Hose zugebracht.

Sein Glück war überdies, kein Uniformträger, sondern auch nur Zivildienstverpflichteter zu sein.

Als Uniformträger hätte ihn die Kugel noch erreicht, die nun kurz vor seinem Gesicht halt machte. Von Null Uhr an war der Seemann nur noch ziviler Seemann, ohne Dienstverpflichtung. Für ihn galt ab der Stunde Null nicht mehr die Militärgerichtsbar-keit.

Die zivile Gerichtsbarkeit konnten die Menschen im Lande eine Zeitlang nicht mal mehr in der Pfeife rauchen – die stank nämlich schlimmer als der schlimmste Knaster von Tabak. (Wie lange dauert es eigentlich, bis davon nichts mehr zu riechen ist?)

Nachbar Edwin war seit der Stunde Null auch nur noch Nachbar.

NSDAP, Hakenkreuz und all der andere Firlefanz waren nämlich zusammen mit der Machtwillkür der Parteibonzen in ein schwarzes Loch im Universum verschwunden.

Edwin bewies sofort seine stets gute nachbarliche Gesinnung, indem er spontan die Stellen kundtat, an denen sich Bürger bedienen konnten, weil die derzeitigen Ladeninhaber sich die Waren in ihrem Geschäft unrechtmäßig angeeignet hätten.

Allerdings vernahm man kein Wort des Bedauerns über diese unrechtmäßigen Taten, und kein Wort von Rückgabe an die rechtmäßigen Eigentümer.

Soweit war das Denken auf die Schnelle noch nicht gewendet worden – aber von einer Minute auf die andere hieß es nicht mehr Volksgenosse, sondern Nachbar und Bürger. Da hatte doch garantiert schon jemand im Vorfeld mit den Schergen trainiert.

Tja – und was das sich Selbstbedienen in gewissen Geschäften anging – als guter Freund, der man  schließlich immer gewesen war, musste man doch ein paar gute Tipps geben.

Ein paar gute Tipps erhielt eine Reihe von Leuten sicher auch nach dem Ende von Knallern und Bal-lern. Die Fischerei lag völlig am Boden.

Mit Ausbruch der Kriegshändeleien im September 1939 bekamen Fischereifahrzeuge aller Größen und Klassifizierungen den Status von Hilfkriegsschif-fen.

Somit waren die Schipper während der Dauer des Waffenganges ersatzmäßig beschäftigt.

Aus dem versprochenen Sechswochenfeldzug wur-den am Ende sechs Jahre, wie es nun einmal so ist im Leben – auf jeden Fall, die Schipper saßen nicht zu Hause herum, und popelten in der Nase.

Hatten sie vorher Granat, Butt, Scholle und Hering aus dem Wasser der Nordsee an Bord gezogen, und damit die Ladeluken gefüllt, ging nun die Decks-fracht den umgekehrten Weg. Hübsche kleine Weg-versperrer legten sie aus, um den Kameraden von der anderen Feldpostnummer die Passage gehörig zu verleiden.

Minen wurden gelegt, über die sich heute alle Welt so ungemein aufregt, die aber trotzdem von allen Militärs in jedem Krieg wieder eingesetzt werden.

Es war ein einträgliches, staatlich abgesichertes Geschäft, an das man sich allzu leicht und zu schnell gewöhnte. Wie es aber häufig im Leben ist - bamms – war der Broterwerb am 5. Mai 45 nicht mehr vorhanden, weil man dem Chef die Firma wegge-nommen hatte. So ein Elend aber auch. Soweit die Wracks der Kutter nicht den Grund der Nordsee bevölkerten, dümpelten sie nun in den Häfen vor sich hin.

Sie lagen an der Kette.

Wer norddeutsche Fischerleute kennt, weiß wie grantig und ungenießbar sie werden, wenn man sie nicht auf die See hinaus lässt.

Die große, die Hochseefischerei war davon weniger betroffen. Kaum war am 9ten Mai in Kiel der Schlusspfiff des kriegerischen Spiels verklungen – der Ton hing den Menschen noch in den Ohren – hatten die Reeder schon wieder ihre Fangflotte in Richtung Nordmeer in Bewegung gesetzt.

Brückenspezialisten mit goldenen Kolbenringen an den Ärmeln tummelten sich genug in den Auf-fangbecken der ehemaligen Kriegsmarine. Daran hatte es keinen Mangel.

Keinen Mangel hatte es auch an Deckpersonal. Am begehrtesten waren Männer aus den Ostteilen des Reiches – je weiter östlich sie herstammten, umso willkommener waren sie.

Es gab nicht wenige Kapitäne, die heuerten mit Vorliebe nur Janmaaten aus Ostpreußen an.

Das waren in der Regel harte Männer, die mit eis-verkrusteten Bärten, und Fäusten mit einer Zupacke wie Werft-Schraubstöcke, vierundzwanzig Stunden am Stück in die vollen Netze griffen. Die Tag und Nacht mit rissigen Händen an den Schlachtbänken und Salzfässern standen, bis nach Wochen die Bäuche der Logger und Trawler gefüllt waren.

Dazu muß gesagt werden, die Heuer in der Fischerei ließ nie zu wünschen übrig. Die Reeder in den deut-schen Häfen fühlten sich für ihre Mannschaften und deren Familien noch verantwortlich. Auch diese Charaktereigenschaften muß man heute mühsam bei ihren Nachfolgern suchen.

Auf der Suche nach Charaktereigenschaften schlid-dert mein Denken zur kleinen Fischerei. Den Kutter-kapitänen, mit zwölf oder achtzehn Meter Deck un-ter den Füßen und jeden Tag Heimathafen auf dem Fahrplan, wurde es ungleich schwerer gemacht. Sie konnten nicht so einfach Leinen losschmeißen und die Häfen verlassen.

Die Eier, die sie zum Teil selber gelegt hatten, ver-sauerten ihnen den Alltag. Wo blieb die Lösung des Problems. Minensuch-  und  -räumboote hieß das Zauberwort. Die Seefahrernation Deutschland besaß aber keine mehr. An den deutschen Spezialschiffen, die nicht dem Krieg zum Opfer gefallen waren, erfreuten sich die Russen, und die westlichen Siegermächte bedauerten sehr. Die Wasserwege, die sie für ihren eigenen Nachschub benötigten, hatten sie gesäubert – aber mehr? Sorry!

 

Deutsche Köpfe sind nun mal von Natur aus findig. Nicht umsonst kam aus England schon zur Zeit der Kolonialkriege der Spruch: Schicke einen Deutschen mit einer Konservendose in den Urwald – er kommt mit einer Lokomotive wieder heraus.

Es wurde in den Bürokratenköpfen eine Idee gebor-en – es wurde eine Lizenz ‚erfunden’. Eine Er-laubnis, die darauf abzielte, die deutschen Hoheits-gewässer (sofern man von ‚deutscher Hoheit’ sprechen konnte) mittels deutscher Schiffe und deutscher Besatzungen von Minen frei zu machen. Das konnte den Kaugummikönigen nur recht sein

Ein Lizenznehmer war auch schnell gefunden, der sich bald in den Trümmerfeldern um die zerstörte Admiral-Raeder-Schleuse einrichtete.

Noch vorhandene Baracken als Büro- und Betriebs-gebäude konnten sofort bezogen werden, da die Schleusenanlagen ja nicht den Bombenangriffen zum Opfer gefallen waren, sondern im Zuge des Churchill Plans nachträglich gezielt gesprengt wurden. Die Firma konnte natürlich auch mit einem zivilen Namen – einem Doppelnamen gar – aufwarten. Bekannt war sie – noch bekannter als der berühmte bunte Hund – unter der Bezeichnung ‚Himmelfahrtskommando’.

Einer Bezeichnung, der sie einige Jahre später alle Ehre gemacht hat.

Bevor es soweit war, bis der Spottname Wahrheit wurde, mussten noch einige Jährchen Zukunft sich die Hacken ablaufen, und eine Armada von kleinen Fischkuttern -zigtausend Tonnen Munition anlanden. Die gewitzten Unternehmer machten sich die Un-zufriedenheit der Schipper über ihre Unbeweglich-keit – oder besser die Unbeweglichkeit ihrer Kutter - zunutze.

Die Fischereifahrzeuge, die nicht zum Fische fischen hinaus fahren durften, fuhren stattdessen in Lizenz für die Firma ‚Himmelsfahrtskommando’ als Minen-räumfahrzeuge. Sie sammelten, salopp ausgedrückt, die Eier wieder ein, die sie Jahre zuvor selber gelegt hatten.

Ein gefährliches Unterfangen zwar, aber äußerst gut honoriert. Erkennbar für uns, die wir sie tagtäglich beobachteten, an den zufriedenen Mienen der Eigner und am Warenkorb der einkaufenden Ehefrauen. Mitten in der hohen Zeit der Minenfischerei, die Blütezeit könnte man sie auch nennen, lag dann plötzlich ein Kutter im Hafen am Steg, der nicht mehr hinausfuhr.

Es war eine ungewohnte Erscheinung in unserem Paradies, dem vergessenen, versandeten und verschlickten Seglerhafen – da hinter der Buhne - am Ende des Sommerdeiches. Der Seglerhafen, der einmal ein ganz Großer werden sollte. Der Seglerhafen, der einmal von der Planung her den größten Wasserflugzeugen Platz für Start und Landung bieten sollte.

Der Schipper musste krank sein, war unsere erste Vermutung. Auch Kinder machen sich da so ihre Gedanken.

Die Krankheit dauerte, der ruhende, wunderschöne Kutter wurde Teil unseres Alltags. Er gehörte zwar nicht zur Familie - das wäre übertrieben gesagt. Aber so ähnlich.

Zum Spielplatz war er schnell für uns geworden. Solange er noch im Hafenbecken vor Anker lag – bei ablaufendem Wasser fiel er regelmäßig trocken – verscheuchte uns Banausen der Eigner immer aufs Neue von seinem Schiff. Die Mühe hätte er sich sparen können, denn irgendwann lag der einst stolze Kutter wie ein gestrandeter Wal seitlich auf der Sandbank, und quälte sich mühsam in den Tod. Die Zeit als Zerstörerin hatte sich nicht vertreiben lassen.

Mit dem tödlichen Virus des Schiffssterbens infizierte sich der Kutter auf einer Kaperfahrt – ich glaube, so kann man es ausdrücken.

Die Mannschaft fuhr beim Munifischen – wie wir allgemein sagten - eine gute Kasse ein.

Anscheinend für die Bedürfnisse von Kapitän Strohfeuer und seinen Mannen  nicht genug, denn es gibt da nun mal eine menschliche Eigenschaft, auf die man zwar nicht stolz sein kann, die aber seit Urzeiten weit verbreitet ist. Die Raffgier der zwei-beinigen Denker.

Der Drang nach schnellem Geld vernebelt bei dem Tier Mensch allzu oft die Sinne.

Das nun unser Kutterkapitän nicht krank war, we-nigstens nach herkömmlicher Ansicht, hatten wir fix spitzgekriegt. Der besagte Nebel um seine Sinne war ihm zum Verhängnis geworden.

Raffke und Co. ließen grüßen – sie zeigten ihre verwandtschaftlichen Beziehungen.

Ein Missverständnis der besonderen Art setzte der geliebten Seefahrerei ein abruptes Ende, und legte das Prachtstück von Kutter an die Leine.

Dem altgedienten Fahrensmann und seinen Mackern waren im Dunst der aufkommenden harten D-Mark die Begrifflichkeiten durcheinander geraten.

Sie hatten in der dicken Suppe der Zwischenzeit irgendwann mein und dein verwechselt.

Die dicken Kupferkabel, die das Festland mit den Festungsbauwerken auf den schon erwähnten Eilan-den verband, erfüllten in ihren Augen, da wo sie sich befanden, keinen Zweck mehr.

Den Erlös, den man vom Schrotthändler bekam, füllte da schon besser die eigene Börse.

Es war nur ein ganz kleines Malheur im Vergleich zu den gewaltigen Gewissenskarambolagen der Super-Sänger in der schwarzen Uniform der Gralshüter der seligmachenden Partei.

Die Festungsanlagen auf den Sandhügeln im Wattenmeer konnte man ja nicht als Bastionen des Himmels ansehen, die Wächter auf ihnen beob-achteten ihn bloß ständig.

Die Lauscher und Lichter der Horchposten waren bis zur Stunde Null unablässig nach Westen gerichtet.

Im Westen bestimmten Männer im Stresemann, mit Homburg auf den Köpfen und Regenschirmen über den Armen, die Lebensweise. Dekadent anmutend gegenüber Schirmmütze und Koppelriemen als Standardkleidung in deutschen Befehlszentralen.

Westen bedeutete also nichts Gutes.

Osten zwar auch nicht, aber im Osten kroch das eklige Getier Untermensch wenigstens auf der Erde herum – hauste noch mit vierbeinigen Kreaturen in einem Raum.

Man konnte dieses Getier Untermensch Auge in Auge bekämpfen – oder ganz einfach mit bodenge-bundenen Kampfmaschinen platt machen.

Obwohl das auch nicht so funktionierte, wie Führer & Co. es sich und der Masse ausgemalt hatten.

Die Kriechlinge setzten sich vehement zur Wehr, und das mit mehr eisernen Kolossen, als man sie selber jemals produzieren konnte.

Teufel auch, wird manch einer geflucht haben – angesichts der vorrückenden, erdrückenden Über-macht mit den Schlitzaugen in den breitflächigen Gesichtern und mit hochstehenden Wangen-knochen.

Obendrein gingen den Industriellen im Arierland langsam die fleißigen Hände aus. Weil sie die Kühe, die sie Tag und Nacht molken, schlicht verrecken ließen.

Wie soll man das verstehen, wird vielleicht jemand fragen, der die Gnade der späten Geburt geschul-tert hat.

Ein Kohlkopf auf einem Pfälzer Saumagen gab  später seiner ‚Ahnungslosigkeit’ einmal diesen Deckmantel der Unschuld.

Für einen studierten Historiker war es eher eine Bruchlandung seines Wissens – aber was soll’s? Politiker können in der Regel eh gut mit Gewis-sensscherben leben.

Wenn einfachen Menschen in Häusern an der Strasse des Lebens das Geschirr zerbricht, müssen sie von der Tischplatte, oder nicht selten gar vom Boden, essen – ein Politiker dagegen wird, auch oder gerade, nach einem böswilligen Fehltritt, noch von vielen Händen gefüttert.

Zurück zu den Kühen und ihren Melkern. Es ist ein ganz einfaches, leicht verständliches  Bild.

Wenn ich einer Packerin, die des Morgens für mich am Fließband CYKLON-B eintütet, abends eben dieses CYKLON-B zur Nachtdusche serviere, wird sie am nächsten Morgen nicht mehr für mich am Fließband stehen. Eigentlich ganz klar!

Im Vertrauen auf immer neue Kühe, haben die wahrlich nicht dummen deutschen Industriebosse selbstherrlich und raffgierig diese grundlegende Erkenntnis schlicht und einfach ignoriert.

Ihre nicht zu überbietende Ignoranz wurde für sie zu einem Bumerang.

Der Westenfeind nun war viele Stufen höher angesiedelt. Der hatte seiner Brut schon Flügel verpasst. In gewaltigen Schwärmen – vergleichbar mit Hornissen – flogen sie aus, um den selbst-ernannten Ariern, da im Herzen Europas, das Fürchten zu lehren.

Was hatte man in diesem gelobten Land bloß falsch gemacht, daß man von aller Welt plötzlich so schlecht behandelt wurde?

Eine Gottesstrafe – wie das jüngste Gericht oder so etwas – konnte es nicht sein. Einen himmlischen  Gott gab es ja nicht, der war zumindest nicht in Amt und Würden. Der hatte schließlich 1933 seinen angestammten Platz für die nächsten tausend Jahre  dem  deutschen Führer abgetreten. In Erbpacht sozu-sagen.

Das wurde auf den Reichsparteitagen der NSDAP in Nürnberg jedes Jahr nachhaltig vor aller Welt bekräftigt.

Den Platzhalter mit dem Hakenkreuz vor dem Kopf, und seine Heerscharen, ereilte am 9.  Mai  1945 das hinlänglich bekannte Spielverbot – ihre Vereins-satzung mussten sie im Tresor der Geschichte einschließen. Sie brauchten sie aber nicht verbren-nen.

Das wäre allerdings nachhaltiger gewesen. So wie sie selbst, einige Jahre zuvor, mit Begeisterung Millionen Bücher unbequemer, missliebiger Schrei-ber verbrannt hatten.

Man hatte wertvolles Kulturgut dem Feuer über-eignet, es in der Reichskristallnacht den lodernden Flammen aus den Dächern der brennenden Synagogen hinterhergeschickt. Es sah ja so gut aus! Die Inschrift auf den Fackeln, mit denen diese Brände gelegt wurden, lautete „entartete Kunst“ oder „unwertes Gut“.

Einige Vereinsvorstände – oder sollte man sagen Despoten - hat dieses Spielverbot so gekränkt, daß sie  aus Verzweiflung Selbstmord verübten.

Anderen Menschenquälern wiederum waren zehn Jahre Zuchthaus lieber. Wahrscheinlich aber nur deshalb,  weil sie wussten was sie erwartete.

Sie wussten, das die Wegsperreinrichtungen in die man sie bringen würde, gegen die Lager, die sie in ihrer Glanzzeit betreuten – daß diese Zuchthäuser wahren Erholungsorten gleich kamen.

Die Art und Weise, wie der SS-Mann Renter und Konsorten ihre zehn Jahre Knast verbrachten, diese Art haben die Häftlinge im Gelbkreuzlager am alten Banter Weg nicht einmal an Weihnachten erlebt.

Es ist mir doch tatsächlich untergekommen, das ein alter Herr – ich will ihn einfach so bezeichnen – das ein alter Herr, der schon seit nahezu sieben Jahrzehnten im Arbeiterglücksviertel Bant sein zu Hause hat, allen Ernstes erklärte, er hätte von alledem nicht das geringste mitbekommen.

Auf meine erstaunte Frage, ob er denn von Geburt an blind sei, las er mir stolz und ohne Lesehilfe die kleingedruckten Nachrichten aus der Tagespresse vor. Im hohen Alter noch Augen wie ein Habicht, dachte ich bei mir.

Und trotzdem  nichts davon mitbekommen, wenn in langen Reihen Morgen für Morgen sich die ge-schundenen Körper in Begleitung von bewaffneten Aufsehern an ihre Arbeitsstätten quälten.

Nichts davon mitbekommen, wenn sie Abend für Abend mit schleppenden Schritten in die verlausten, ungeheizten  Baracken zurückkehrten – mit den gleichen Gewehren im Rücken wie am Morgen. Verständlich!!! Die langen Kolonnen vor sich hin- stolpernder Füße waren ja auch nicht zu erkennen in ihren Sträflingsklamotten.

Mir war im Verlauf  unserer Unterhaltung aufge-fallen – von dem alten Herrn hörte ich nichts von Soldaten- und Fronterlebnissen.

Meiner Nachfrage, in welchem Winkel Europas ihm der Krieg um die Ohren geweht hatte, beschied mir der leutselige Greis eine denkwürdige Antwort: Er war nie aus Wilhelmshaven herausgekommen – er hatte tagtäglich sein Leben an der Heimatfront riskiert - als Rangierer auf dem Westbahnhof! Das mit dem Leben riskiert – das mag ich ihm glauben. Bomben sind von der Anzahl her genug gefallen in der Jadestadt – jeden Familienvorstand hätte sicher eine davon treffen können. Aber das „nichts davon mitbekommen“ – das hat er mir in unseren langen Gesprächen trotz aller Unschuldsbeteuerungen nicht glauben machen können.

Er hat mir nicht glauben machen können, daß er seine langjährige Nachbarin nicht vermisste. Die Nachbarin, die über Nacht aus seinem persönlichen Umfeld  verschwand, weil sie längere Zeit aus der Küche des Werftspeisehauses vertrocknete Kom-missbrotscheiben mitgehen ließ – und diese auf ihrem Nachhauseweg heimlich den Hungergestalten aus dem Lager zusteckte.

Ob dieser tapferen Frau auch wohl noch einmal jemand Kommissbrotscheiben zugesteckt hat, bevor sie verscharrt wurde?

Nie werden wir es erfahren, denn Sie ist nicht wie-dergekommen – diese wahre Heldin.

Ein Denkmal für solche Frauen stünde Wilhelms-haven  gut zu Gesicht. Dann hätte auch der knochige Werftarbeiter an der Mauer seine Berechtigung.

Die Männer westlich des 18ten Längengrades hatten ihrer Heldenpflicht mit der Stunde der Kapitulation Genüge getan.

Für die noch lebenden Soldaten jenseits der rus-sischen Grenzen begann da erst die Zeit des Leidens, die Zeit der Kriegsgefangenschaft. Es begann für sie die Zeit des Bezahlen müssen für ein Trugbild, daß ihnen ein österreichischer Scharlatan mit seinen deutschen Heilgehilfen sehr teuer verkauft hatte. In grandiosen Verpackungen, die zum Teil von den später scheinbar erbitterten Feinden geliefert wurde. Scheinbar muß man gelten lassen – wie sonst erklärt sich die stets unangefochtene Existenz von IBM in Deutschland?

Ein profitgieriger Riese durch die Zeiten. Das Mo-nopol auf die damalige Datenverarbeitung besitzend. Kein Mensch wurde selektiert, kein Stück Materialbedarf für den Bau jedweder Anlagen – einschließlich der Konzentrationslager mit ihren Massentötungseinrichtungen - wurde ermittelt, keine Bewegung des Apparates geschah, ohne dass IBM daran verdiente. 

Die Muttergesellschaft in den USA bekam stets dicke rote Backen, wenn die Erlöse aus Berlin via Schweiz über den großen Teich transferiert wurden.

Diese Perversität konnte nur geschehen, weil die obersten deutschen Volksverhetzer gemeinsam mit Schweizer Bänkern und amerikanischen Großindustriellen bei diesem Handel kräftig absahnten. Es hat den ehrbaren Bundesräten im Berner Bundeshaus und dem Teddybären Roosevelt im Weißen Haus in Washington garantiert nicht die geringsten Magenschmerzen verursacht, bewußt an den Schandtaten mitzuverdienen.

Für die Mehrzahl der Frauen in den Trümmerwüsten der deutschen Städte begann mit dem neunten Tag des Wonnemonats Mai 1945 des Dramas zweiter Teil.

Er war geprägt von Lebensmittelkarten, geprägt vom ertragen müssen ausgebrannter,  unzufriedener, zum großen Teil kranker Männer.

Arbeitslosigkeit – schlimmer wie vor 1933 – lastete auf den Gemütern in Deutschland. Industrie-Zentren in den Ballungsgebieten bildeten die Ausnahme. Wer jetzt zynisch sein wollte, könnte sagen: für die Bosse hinter den Werken fand kein spürbarer Wechsel statt.

Lief die Produktion bis zum 8. Mai 45 auf der Kriegsbedürfnisschiene – am Morgen des 9ten hatte man die Richtung gewechselt. Der Zug fuhr weiter. Nur die Fracht in den Waggons bestand, zum Beispiel statt aus Stahlhelmen, von da an  aus Nacht-töpfen.

Schutzhelme für deutsche Soldatenköpfe wurden im Moment nicht mehr benötigt - gepinkelt wurde immer. In Wilhelmshaven sah man trotz der großflächigen Zerstörungen Mitte der Fünfziger Jahre keine nennenswerten Ruinen mehr im Stadtbild – ausgenommen die großen Schleusen-anlagen. Sie waren der Tummelplatz für unsere Kinderspiele.

Dies aufgeräumte Stadtbild hatten auch viele Frauenhände bewirkt. Die im Bergischen Land gelegene Stadt Solingen präsentierte dagegen z.B. bis Anfang der sechziger Jahre noch Ruinen von Bomben zerstörter Häuser. Die Menschen dort hatten einfach keine Zeit, sich mit den Trümmern zu beschäftigen. Die Maschinen in den Fabriken mussten laufen.

Laufen – laufen lief auch der Betrieb auf dem großen Betriebsgelände nahe der zerstörten Schleusenanlagen im Wilhelmshavener Osten. Unmengen an Minen, Munition und Bomben warteten in stoischer Ruhe auf ihre Entschärfung. Der Teufel kam wohl jede Nacht zu Besuch, um sich an seiner gut gefüllten Speisekammer zu erfreuen. Man hat zwar nie gehört es habe ihn jemand gesehen – aber so muß es gewesen sein.

Bis der nach Schwefel stinkende Geselle zur Taufe lud, um den Volksmundfirmennamen ‚Himmel-fahrtskommando’ endgültig regelfest zu machen.

An einem schönen Mittag im Sommer 53 ließ ein urgewaltiger Knall sämtliche Fensterscheiben in  unserer – ja immerhin einige Kilometer Luftlinie entfernten - Schule splittern. Den aufgeschreckt zur Deichkrone strömenden Menschen bot sich ein Anblick, den die Älteren unter ihnen eigentlich nie wieder genießen wollten.

Ein riesiges Feuerwerk allererster Güte zeichnete den Himmel über dem Heppenser Groden.

Der Nachspann des zweiten Weltkrieges hatte begonnen.

Ein Satz meiner Mutter klingt mir heute noch in den Ohren, als wenn Sie ihn erst gestern gesagt hätte:

So etwas habe ich nicht einmal in der Nacht erlebt, in der Wangerooge bombardiert wurde. In der Wan-geroger Schreckensnacht stand sie nämlich in Carolinensiel auf dem Deich.

Kurze Zeit nach dem Tag der Taufe des Betriebes verschwand diese menschenverachtende Art der Kriegsfolgenbeseitigung aus dem Stadtbild.

 

Was dem Stadtbild erhalten blieb, waren die grausam unter den Phosphorverbrennungen und anderen Schäden  leidenden Mitarbeiter, von denen etliche in der Folgezeit ihren Verletzungen erlagen.

Unser Nachbarskind Irmi vertraute unserem Kin-derkreis eines Tages geheimnisvoll an, mein Papa leuchtet im Dunkeln.

Da mussten in unseren Augen  übernatürliche Dinge im Spiel sein. Die Geschichte der Hexenver-brennungen bis ins späte Mittelalter hatte man uns ja in der Schule nahe gebracht. Und zwar in einer Intensität, als wollten die Lehrer das Geschehen der frischen Vergangenheit damit herunterspielen. Ausgesprochen hat es natürlich keiner.

Ausgesprochen haben auch die wenigsten Menschen ihre Verwunderung darüber, daß in ihrem Ort soviel Wohnstadt und sowenig Militärstadt zerstört worden war.

Wohl auch, weil es ein wenig Glück für viele arbeitslose Hände, und für noch mehr hungrige Bäuche bedeutete.

In keiner Stadt in deutschen Gauen gab es mit Sicherheit  nach dem Kriege soviel Betriebe, die sich der Woll- und Textilverarbeitung widmeten, wie in der sinnlos zerstörten Stadt am Jadebusen.

Ich habe manches Mal in meinem kindlichen Gemüt die Vorstellung hin- und herbewegt, alle Spinner, Weber und Stricker von jenseits der Elbe hätten kein anderes Fluchtziel als Wilhelmshaven gekannt.

In jeder dritten von Soldaten entvölkerten Kaserne ratterten die Spinnräder, flogen die Weberschiffchen hin und her, oder sangen die Strickmaschinen ihr Maschenlied.

Wer von den jungen Menschen wach in den Sinnen war, konnte sich Kenntnisse aneignen, die mit Geld nicht zu bezahlen waren. Zumal ja keine klopfenden Niethämmer der Schiffbauer und keine tutenden Schiffssirenen mehr erklangen. Ohne die emsigen Garn- und Stoff- und Kleidermacher aus den schlesischen Reichsgebieten wäre das Konzert der knurrenden Mägen ungemein lauter gewesen.

Mögen auch die Art und Weise, auf der in einigen Kleiderfabriken mit den Frauen und Mädchen umgesprungen wurde, nicht die feinste gewesen sein – die Menschen ertrugen die Behandlung.

Sie waren ja schlimmeres gewohnt – und es besserte sich langsam. Aber wieder waren es in der Hauptsache Frauen, die die Last trugen.

Viele Männer mussten eine andere Last tragen – die des wöchentlichen Stempeln gehen müssen.

 Sinnigerweise standen die Tische, an denen die Arbeitsamtsbediensteten ihrer deprimierenden Tätig-keit nachgingen, häufig in Räumlichkeiten, in denen auch der Alkohol zu Hause war.

Kneipensäle waren die bevorzugten Orte. Ich will nicht sagen, die Wirte hätten mit der Arbeits-verwaltung ein Konkordat geschlossen – das entspräche sicher nicht der Wahrheit. Tatsache war ganz schlicht und einfach, es gab für diese große Personenzahl keine anderen Plätze.

Tatsache ist aber auch schlicht und einfach, viele der kleinen Markbeträge in den Taschen der Männer brauchten keine langen Wege zurücklegen, um ihr Ziel zu erreichen. Vom Stempeltisch zum Tresen in der Gaststube nebenan waren es immer nur ein paar Schritte. Eine goldene Zeit für wache Wirte, deren eifrigster Verbündeter die klitzekleinen Prozente in den handlichen Flaschen waren.

Die Männer, die sich als Tröster den Alkohol aussuchten, will ich nicht hinstellen als bedau-ernswerte Geschöpfe und Opfer ihres Erlebens, aber es soll ihnen  hier auch nicht der Prozess gemacht werden. Die mildernden Umstände würden die Schuldanteile in vielen Fällen übertreffen.

Mildernde Umstände – allemal, oder einfach nicht schuldig daran, übermäßig Alkohol zu trinken. Das klingt nach liberaler, demoralisierter Rechtsauf-fassung – ich weiß!

Nur wer kann, nur mal als Beispiel, Willis Seelen-lage nachvollziehen, der als idealisierter junger Mann in die Wehrmacht eintrat. Freiwillig – natürlich! Der mit Hurra über die Grenzen in Richtung Osten stürmte, um Raum zu gewinnen für das deutsche Volk. Damit die in den Lebensborn Paradiesen zu zeugenden reinen Arier einmal eine Heimat finden würden.

Auf diesem Wege verlor er bald  seine Begeisterung für den Führer. Stück für Stück, und Bild für Bild ging ihm verloren – irgendwo an des Weges Rand – da draußen in der Einöde.

Der fahrende Zug, auf den er mit Freuden ge-sprungen war, hatte keine Türen um auszusteigen. In der ersten Begeisterung war er mit dem zweiten Schritt gleich in der dritten Klasse gelandet. In dieser Klasse befanden sich die fortgeschrittenen Mitglieder, die mit besonderen Aufgaben beehrt wurden. Und was gab es ehrenvolleres, als einem Erschießungskommando zugeteilt zu werden? Was gab es ehrenvolleres, als das unwerte Leben eines Hundsfott in den Tod zu befördern?

Wer Hundsfott und was unwertes Leben war stand fein säuberlich in den Befehlen – oder kam ebenso akkurat aus den Mündern der Vorgesetzten. Beim ersten zarten Pflänzchen Mitgefühl, welches langsam in ihm keimte, fühlte er sich selbst schon als Hundsfott – und drückte das Mitfühlen immer wieder nieder. Nur – diese Pflanze Mitgefühl wurde zum Schlinggewächs, das ihm die Luft nahm.

Vor die Wahl gestellt: Du oder Er, hieß Willis Entscheidung immer wieder: für Willi. Dieses Ent-scheiden gegen den anderen verfolgte ihn auch nach dem Ende der bösen Verpflichtung – jetzt aber konnte Willi die Wahl nicht mehr treffen – er konnte sich diese Fragen nicht mehr beantworten. Er konnte nur noch versuchen ihnen auszuweichen, wenn sie denn wieder schwarz und drohend vor ihm standen. Wer half ihm da besser und schneller, als der rosarote Dunst aus der Flasche mit den Prozenten. Die Prozente, die ihm halfen, die zitternden Hände und die flatternden Nerven stillzulegen. Vom Gewis-sen, das wie mit Nagelstiefeln durch seine Seele trampelte, ganz zu schweigen. Die Prozentchen, die ihm so lange halfen, bis er selber still in einer ein-fachen Holzkiste lag.

Stehe jetzt jemand auf, und urteile ganz laut – und ganz gerecht!

So gerecht wie Gustav Brunger – seines Zeichens Amtsgerichtsrat. Richter aus Berufung – wie er ständig stolz hervorhob, wenn er kleine Eierdiebe mit drakonischer Strafe belegte.

Ebenso drakonisch verfuhr er mit Frauen, die ihre Weiblichkeit für Geld benutzen ließen. „Unzucht haben sie getrieben“, tönte es dann laut durch den Gerichtssaal – „die Reinheit unserer Jugend als Zukunft unseres Volkes  müssen wir vor ihnen schützen.“

Von der Staatsmacht, die vom Volke ausging, war er in sein Richteramt berufen worden – allerdings waren es noch die Rufer mit dem Hakenkreuz in den Blicken. Aber wen störte das? Deren Staatsmacht ging ja auch vom Volke aus – mehr oder minder.

Er war ja nach der Demontage des Hakenkreuzes an den Quell „Entnazifizierung“ geführt worden, hatte sich da in reinster Unschuld die Hände gewaschen, und sich zum abtrocknen bei den alliierten Tugendwächtern, welche die Siegerregierungen hier in Deutschland repräsentierten, einen Persilschein geholt.

Weiß und unschuldig schimmernd sah er aus, dieser Schein. Ordnung  musste schließlich sein.

Um die Anzahl der Persilscheinempfänger im wie-dererwachenden Deutschland ausnahmslos rein-zuwaschen, wurden in den Henkelwerken in Düs-seldorf-Reisholz garantiert unzählige Sonder-schichten gefahren. Aus diesem Grunde ist Persil wahrscheinlich auch ein über Jahrzehnte erhaltenes Markenzeichen geblieben. Solche Scheine werden ja immer und überall aufs Neue benötigt. 

Unser Richter Tugendsam war bei seinem Hände-waschen in Unschuld nur ein klitzekleines bißchen unachtsam gewesen. Als er einmal wieder mit ges-preizten Fingern lautstark seinen Abscheu vor der Prostitution kundtat, entdeckte ein aufmerksamer, findiger Gerichtsreporter Schmutzreste zwischen denselben, die sich bei näherem hinsehen als wahre Brutstätten brauner Bazillen entpuppten. 

 Richter Tugendsam, mit den blonden Haaren und den blauen Augen hinter seiner randlosen Brille, war vor seiner Pilgerreise an die Wallfahrtsstätte „Entnazifizierung“ ein sehr stoßfreudiger Zeitge-nosse gewesen.

Der potente Luftwaffenreserveleutnant Gustav Brun-ger hatte mindestens sieben willige Gebärmuttern im Paradies Lebensborn geschwängert.

Natürlich jedes Mal ganz legal. Es hat später einmal jemand der dabei gewesen war, es selber aber nur auf zwei Lustsprünge gebracht hatte, wörtlich gesagt: Gustav? Gustav de har domoals een Hoakenkrüüz up sien Steert. Dat wee een van de fliedigsten Speuterer. (Gustav? Gustav der hatte damals ein Hakenkreuz auf seinem Schwanz. Der war einer der fleißigsten Spritzer.)

Auf diese oder eine andere Weise trug so ein jeder sein Kreuz.

Sein Vorgesetzter Gerichtspräsident, der wegen sei-ner Hilfe für ein jüdisches Ehepaar das KZ Neuen-gamme zwei Jahre von innen studieren durfte, sah das etwas anders – wie er sich im kleinen Kreise ausdrückte: Legal – illegal – scheißegal. Hier gehört so ein Mensch nicht hin!

Kleiner Kreis deshalb, weil so etwas ja nicht in die Öffentlichkeit gehörte.

Richter Tugendsam musste aber trotzdem seine Robe an den berühmten Nagel hängen.

Geschadet hat es ihm allerdings keineswegs. Weder finanziell noch gesellschaftlich – er avancierte zum Syndikus einer mittelgroßen Bekleidungsfabrik, die vorwiegend Uniformen für die britische Armee her-stellte.

Einer Kleiderfabrik mit streng katholisch christ-lichem Eigentümer, der auffällig vielen Lametta- und Ordensträgern aus der Zeit der tausend Jahre in seinen Diensten Lohn und Brot gab. Die waren nämlich auf vielfältige Weise hervorragend geeig-net, die Produktion an den Bändern zu steigern.

 

Besonders effektvoll gelang dies den Herren mit dem Kasernenhofton am Leibe jedesmal, wenn sie den Frauen und Mädchen an den Nähmaschinen erzählten, wie viele Bewerberinnen draußen vor dem Werkstor gerade auf ihren Arbeitsplatz warteten.

Mit dem Tempo, das die Schiebebänder vorlegten, hätte man bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki Siegerehren erringen können. Leider war das Menschenschinden zu der Zeit keine sportliche Disziplin.

Sowieso – in der Jadestadt konnte man eine seltsame Entwicklung verfolgen. Die Stadtregierungen waren in der Mehrzahl rot. Die Unternehmer, deren Firmen rapide wuchsen, und die erstaunlich schnell zu neuem Reichtum kamen – die waren in der Mehrheit schwarz.

 

Schwarz war ja auch das Hausschlachten. Bis 1948 die Sonne des neuen Geldes am Himmel hing.

Da hatte auch das Leiden so mancher Nutztiere ein Ende, denen bis dato häufig unprofessionelle, hungrige Familienväter den Garaus gemacht hatten. Mit stumpfem Beil und sorgfältig verstecktem Wehrmachtsdolch – oder einfach mit einem dicken Hammer.

Nicht nur Tierschützer würden heute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, angesichts der – gelinde gesagt - Gemetzel, die in manchem Stall, oder nicht selten in den Waschküchen, von den hungrigen Augen einfach nicht wahrgenommen werden wollten. So mancher Hahn ist laienhaften Amateurschlachtern einfach ohne Kopf entflogen. Vor dem Suppentopf hat es ihn trotzdem nicht bewahrt, wenn es auch nicht immer der ihm vorbestimmte war.

Vorbestimmt war auch das Warten bis sie schwarz wurden den Frauen und Männern, die regel- oder auch unregelmäßig mit dem Linienschiff  nach Bremerhaven dampften. Nicht nur der Dampfer, der die Linie bediente, malte mit den Rauchwolken aus seinem Schornstein schwarze Bilder in das Blau oder Grau des Küstenhimmels – nein, auch der Kohldampf der ausgehungerten Passagiere auf dem Pilgerzug an die Fettpfründe des Bremerhavener Fischereihafens trieb seltsame Blüten.

Die Zöllner hatten eine eigenwillige, sehr erfolg-reiche Taktik entwickelt, die Tauschhandel treiben-den Menschenströme um ihre Güter zu erleichtern.

Von den Kontrolleuren meist unbehelligt passierten die Pulks von mehr oder minder schwer bepackten Tauschwilligen die Durchlässe in die Hafenzonen hinein. Was die armen Säcke – wie es mal ein Zöllner drastisch formulierte – da hinein brachten, waren für die Grünröcke Kinkerlitzchen. Was an-schließend wieder herauskam, aus der Freihan-delszone, das war viel lohnender für zupackende Zöllnerhände.

Viele Menschen, die diese beschwerlichen Wege gingen, verloren so ihr letztes Hab und Gut.

Nicht alle. Bestimmt nicht – aber viele. Im Hafen fand Jeder für jedes Teil einen Tauschpartner. Nichts konnte so wertlos oder unbedeutend sein, das es nicht wenigstens noch ein Quantum Fischöl wert war.

Natürlich gingen auch schon mal „Schätze“ den Weg hinein – in  das Innere des Hafenbereiches.

Wenn meine Mutter nicht Butter, Schinken und Wurst aus der 10% Marge ihrer Teeumsätze auf die Schiffe geschmuggelt hätte –– nie hätte feiner weißer Zucker als Destilatgrundstoff den Weg in ihre Schnapsbrennerei gefunden.

Nie wären so exzellente Spirituosen bei uns zu Hause in die Flaschen gefüllt worden, die Kaufmann C. samt Etiketten lieferte.

Nie wäre so gaumenfreundlicher Pfefferminz-, Eier- oder Nusslikör unter die Frauen im Lande verteilt worden, für den der leutselige Drogist G. die Essenzen zur Verfügung stellte.

Und meine Mutter wäre auch nie zu 300 D-Mark – wohlgemerkt harte D-Mark - Geldstrafe für ihre Schnapsbrennerei verurteilt worden.

Durch die Dusseligkeit eines weiblichen Kuriers war die schwunghafte Destillation von geistigen Geträn-ken in unserem Hause nämlich öffentlich geworden, mit allen Mengen und Mittelsmännern benannt. Das geschah kurz bevor die Reichsmark als Zahl-ungsmittel auch amtlich geächtet wurde.

Die Mißachtung des staatlichen Branntweinmono-pols kostete zwar zu Reichsmarkzeiten schon 300.- Mark, bei dem Schwindsuchtgeld, das sich wie Ratten vermehrte, war das aber ein Klacks.

Nur, diese Festgeldsumme war bei der Währungs-reform  nicht abgewertet worden – und das Urteil gegen meine Mutter erging nach der Geburt der D-Mark.

300.- D-Mark, die meine Mutter nie bezahlen musste, weil ein freundlicher, den geistigen Getränken zugeneigter Zollamtsvorsteher – übrigens einer der zufriedensten Genießer der Köstlichkeiten aus unserem Hause – den Vorgang einfach der Vergessenheit anheim fallen ließ.

In der er jetzt, nach über einem halben Jahrhundert, wohl immer noch umherirrt.

So wie der erste alte Kanzler der jungen Republik Mitte der fünfziger Jahre in Moskau umherirrte.

Der alte Kanzler der jungen Republik, die gerade soweit war, das sie keinen Schnuller mehr benötigte – auf jeden Fall tat sie so.

Zu der Zeit, als ich vor dem Wissenstempel stand, und darauf lauerte fürs Familienalbum abgelichtet zu werden, wurde sie schließlich gerade in den Euro-parat aufgenommen.

Wir betraten wohl beide zur gleichen Zeit die gleiche Entwicklungsstufe. Als ich denn soweit gediehen war, das meine Lehrer mich für fähig betrachteten, eine höhere Lehranstalt zu besuchen, hielten auch die Ammen der jungen Republik die Regierenden in Bonn für fähig, eine Reise nach Moskau zu unternehmen.

Mein Eintritt in die Oberschule scheiterte am fehlenden Geld – Konrad Adenauers Mission wäre um ein Haar an der überreichlich vorhandenen Hochnäsigkeit der bundesrepublikanischen Delegier-ten gescheitert.

Konrad Adenauer machte sich auf den Weg, die Kremlherren zu besuchen. Den noch druckfrischen NATO-Mitgliedsausweis in der Brusttasche. Man konnte sich wieder präsentieren.

Man war ja schließlich wieder Wer.

Vielleicht transportierte er in seinem Gepäck als Gastgeschenk für die Erben von Onkel Joe, wie der russische Potentat Stalin leutselig von den West-alliierten genannt wurde, jede Menge ‚Overstolz’ aus der Produktion seines Familienimperiums Haus Neuerburg.

Einen guten westdeutschen Glimmstengel wussten die stahlharten Kommunisten am Rande des Roten Platzes ganz gewiß zu schätzen.

Seine Hoffnung, den Bolschewiki damit blauen Dunst vormachen zu können, mußte er aber außerhalb der Kremlmauer begraben. Ohne den sozialdemokratischen Professor Carlo Schmid wäre in seinem Gepäck, auf der Rückfahrt in sein weinseliges Rhöndorf, nicht die Zusage auf Entlassung Tausender, noch in Sibirien darbender deutscher Kriegsgefangener gewesen.

Konrad Adenauers Kalkül wäre nicht aufgegangen, wäre in einer Sackgasse stecken geblieben, wenn nicht Carlo Schmid den Durchlaß freigelegt hätte.

Jener Carlo Schmid, der sich, gegen großen Widerstand seiner eigenen Parteiführung, als Begleiter Adenauers mit auf den Weg in die linke Herzkammer des kalten Krieges gemacht hatte. Mit großem persönlichem Einsatz brachte er es in einer langen wodkageschwängerten Nacht mit dem Kremlherrn fertig, daß der Vertreter der Westzonen eine große Zahl deutscher Kriegsgefangener doch noch heimführen konnte. Die Verhandlungen mit der offiziellen Delegation waren nämlich schon kläglich gescheitert.

Mit einfachen Worten gesagt: Die Herren, auf der einen Seite in Rot und auf der anderen in Schwarz, mochten sich nicht besonders.

Hätte Carlo Schmid sein persönliches Moskauer Wirken  im bundesrepublikanischen Wahlkampf in die Waagschale geworfen – die 1957er Bundestagswahl wäre mit Sicherheit anders ausgegangen. Der menschliche Professor hat es sich selber untersagt.

Sogar seine engsten Vertrauten und Parteigenossen in der Heimat erfuhren erst sehr viel später davon. Er kannte schließlich auch seine Pappenheimer.

Böse Denker werden jetzt sagen, da hat er seine eigene Partei verraten. Das haben damals auch einige gesagt.

Wer Carlo Schmid näher gekannt hat, weiß um seine menschliche Größe, und seine Fähigkeit, um die Ecke der Zeit schauen zu können. Man kann auch wohl sagen, er wußte um die Unmöglichkeit, ein von seiner Partei geführtes Deutschland vom Hunger wegzubringen. Dazu waren die deutschen Sozial-demokraten einfach nicht in der Lage. Es war wohl eine  Erbkrankheit der deutschen Arbeiterführer.

Die Korrekturmöglichkeiten hinter den Kulissen der anderen Seite gaben ihm dagegen die Chance, den Menschen in seiner Heimat zu helfen, wieder auf die Beine – ein Zyniker möchte wohl sagen, auf den ersten Roller oder in den ersten Käfer zu kommen.

Wie dem auch sei, den schmalbrüstigen Hunger-leidern in den Westzonen ist es auf jeden Fall leichter gefallen, in den ersten Käfer zu kommen, als den Tausenden Flüchtlingen nach dem Untergang der Wilhelm Gustloff in die wenigen Rettungsboote.

Die vieltausend Flüchtlinge, die sich, aus ihren Frei-heitsträumen herausgerissen, plötzlich im eisigen Wasser der Ostsee wiederfanden.

Sie hatten sich doch an Bord des Dampfers endlich sicher gefühlt, die Frauen und Kinder.

Denn es waren meist Frauen und Kinder. Endlich sicher - auf dem großen weißen Schiff, mit dem roten Kreuz an den Seitenwänden. Das rote Kreuz an den Bordwänden war aber durch die Anwesenheit von regulären Wehrmachtsverbänden auf dem Schiff zur wertlosen Attrappe geworden. Für die gegnerische Seite galt es als Wolf im Schafspelz. Nur, wer hat in der verzweifelten Situation, in der sich die Menschen befanden, darüber nachgedacht.

Das große weiße Schiff, auf dem der Kapitän im Hafen von Gdingen zehnmal soviel Menschen untergebracht hatte, wie in den „Kraft durch Freude Zeiten“.

Wie mag ihm wohl zumute gewesen sein, dem ersten Mann auf der Brücke?

Der Mann, der mit Teilen seiner Seemannschaft nach den russischen Torpedotreffern als erster die Rettungsboote enterte?

Wie mag ihm zumute gewesen sein, als er sah, wie seine Männer die steifgefrorenen Hände der im eisigen Wasser treibenden Frauen und Kinder, die sich mit letzter Kraft an die Bordwände klammerten, mit Gewalt lösten?

Ich hoffe, er hat sich in vielen Momenten nach seiner Rettung gewünscht, er wäre nicht Kapitän der Wilhelm Gustloff, und das alles wäre bloß ein böser Traum gewesen.

Wir wollten nicht in der Ostsee absaufen, wir wollten den Scheißkrieg überleben, und – wir wollten unsere Frauen und Kinder wiedersehen.

So hat sich mir gegenüber einmal ein dabei gewesener und davon gekommener Maschinist geäußert. Ein Wunsch, den wohl alle verstehen, die irgendwann in ähnlicher Lage sich befanden. Aber Helden – das sie im entscheidenden Moment Helden gewesen sind, das können sie wahrlich nicht sagen – die Männer von der Besatzung der „Wilhelm Gustloff“.

Ein Teil von ihnen hat in diesen dunklen Stunden auf der Ostsee die in Jahrhunderten gewachsene Ehre deutscher Seeleute mit den Ertrinkenden auf den Grund des Meeres geschickt.

Ein im Geleitzug mitfahrender Matrose hat mir später die Scham der anderen Schiffsbesatzungen mit einem Satz bezeichnet: ‚Wir hätten die Rettungsboote mit den Mannschaften und Offizieren an Bord am liebsten versenkt – aber dann wären wir genauso gewesen wie sie!’

Ich bin genauso gewesen wie sie, musste sich eigentlich auch der Kommandant des russischen U-Bootes sagen, der die Torpedos abfeuern ließ, als er nach Kriegsende hinter seinem Militärrichtertisch thronte, und deutsche Kriegsgefangene als Straftäter aburteilte. Wegen ihrer Greueltaten, die einige von ihnen im großen vaterländischen Krieg unzwei-felhaft an Zivilisten begangen hatten. Er hätte mit ihnen in die Straflager nach Sibirien  ziehen müssen.

Er und viele andere russische Kriegsteilnehmer – denn sie waren so wie diejenigen, die ob dieser Anklage in die weiße Hölle geschickt wurden.

Wie auch die US-amerikanischen Ankläger bei den Nürnberger Prozessen sich hätten sagen müssen: Wir waren wie sie – nur, dann wären die Kriegs-verbrechergefängnisse in Spandau und anderswo aus allen Nähten geplatzt.

Wenn sie nicht so gewesen wären, die Befreier aus der neuen Welt – viele Menschen, in Dresden und anderen deutschen Städten, hätten sich nach des schrecklichen Krieges Ende noch ihres Lebens erfreuen können.

Hätte es auch noch so schäbig, und noch so ärmlich die Zeit angesehen – ich denke, es wäre immer noch besser gewesen, als der sinnlose Tod in den Trümmern der zerstörten Wohnfelder. Der sinnlose Tod, der –zigtausend Menschen in den deutschen Städten traf. In Form von Bomben  „Made in USA“ und anderswo.

 


 

 

 

 

Vielleicht ermuntern meine Erinnerungen den einen oder anderen Leser, in Zukunft die Reden und Taten unserer Politiker nicht mehr so leichtgläubig hinzunehmen, und ruhig mal etwas unter deren Röcke zu schauen – ob da nicht irgendwo ein Messer verborgen ist . . . !

 

ewald eden