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Hatte mein Großvater vielleicht doch recht damit, wenn er sagte, dass aus Hannover noch nie etwas Gutes zu uns gekommen sei …?

 

Hannover rief – oder besser doch, man hatte mich dort hingeschickt. Ich bin gestartet, als so mancher hier noch schlief, damit mir dort ein Arzt ins Leben blickt.

Es hätte eine so schöne Geschichte werden können – in Anknüpfung an all das Positive, dem ich seit Beginn meiner Erkrankung in meiner Umgebung begegnet bin.

Der Tag begann gut und damit, dass mir zwei Ordnungshüter jüngeren Jahrgangs im Mehrzweckbau Nordseepassage im Wilhelmshavener Zentrum bereitwillig durch die reichlich mit Fallstricken versehenen Niederungen der Fahrkartenautomatenwelt halfen. Mit Fahrkartenschalter, mit sachkundiger Bedienung besetzt, ist auch hier am Ort schon lange nichts mehr. Immer getreu der Devise der Bundesbahn seit Hartmut Mehdorns Zeiten: Der Fahrgast wird sich schon irgendwie selber helfen – zur Not fährt er sogar ohne Fahrschein, dann schnappen wir ihn bei einer Schwarzfahrt, kassieren gleich doppelt und können die Böswilligkeit der Bevölkerung an den Pranger stellen. So oder so ähnlich ist wahrscheinlich die Denke in den Wasserkopftürmen der Bahnverwalter. Beispiele dafür gibt es in Masse.

Nach dem Seekrankheit hervorrufendem Geschaukel im Zug der Nordwestbahn konnte ich mich in Oldenburg entspannt in einen Sitz des DB Regional-Express mit Zielbahnhof Hannover nieder-, meinen kreiselnden Magen sich beruhigen und dem Treiben der Fahrgäste im Zug seinen Lauf lassen.

Mit den vielen Ebenen innerhalb der Zugtypen für das gemeine Volk mag ich mich allerdings überhaupt nicht anfreunden. Die Bahnreisen vergangener Tage waren für mich immer wunderbar – nicht zuletzt wegen der ‚unbegrenzten’ Auslaufmöglichkeiten während der Fahrt, so ganz ohne Hürden und Stolperfallen. Hürden und Stolperfallen schaffen nun vermehrt aber auch die Fahrgäste selber durch ihr mitgeführtes Gepäck. Die Hälfte der Bahnreisenden von Heute scheint mir - selbst auf Kurzstrecken - ihren halben Hausstand mit sich schleppend, unterwegs zu gehen. Oftmals sind es von der Größe her kleine Überseekoffer, die natürlich wegen ihrer Angebermaße nicht mehr in die Handgepäckablagen früherer Norm über den Sitzreihen passen und zusätzlich die verwinkelten Gänge verstopfen.

Zu Fahrtbeginn in Oldenburg reichte mir der Zufall ein besonderes Bonbon – zwei Sitze neben mir führten zwei junge Männer eine angeregte Unterhaltung über die alltäglichen Dinge des Lebens – nur dann und wann unterbrochen von irgendwen in der Außerhalbdeszugeswelt, der über ein mobiles Telefon irgendetwas wissen wollte – und alles geschah im reinsten Auricher Platt.

Wahrscheinlich glaubten die Akteure, auf diese Weise von anderen unverstanden und deshalb ungehindert plaudern zu können.

Für mich war es wie die Aufführung in einem niederdeutschen Zimmertheater. Ich habe es ebenso genossen. Nur leider fiel in Bremen schon der Vorhang – die jungen Männer verließen in der Hansestadt den Zug und ich schickte mich an, jetzt ohne diese Exklusivvorstellung, der Ankunft in der Welfenstadt entgegenzudösen.  Zwei Stationen weiter – in Achim – schwirrten unversehens andere Töne durch die obere Etage des Regionalexpress. Das Kabinett füllte sich erneut mit jungem Leben – es war allerdings noch etwas sehr jünger, als es meine Plattdeutschunterhalter gewesen waren. Deerns und Jungs  - alle im Alter grad soeben über die Tischkante des Lebens hinausgewachsen – nahmen die Plätze um mich herum ein. Zwei Atemzüge später gesellte sich dann ein holdes, aber ziemlich atemloses weibliches Wesen dazu, das leise zählend die Häupter der Halbgewachsenen überflog und danach erleichtert murmelte: „Alle Flöhe sind schon da.“.

Mit ‚Flöhe’ meinte das entzückende Wesen inmitten der Kinderschar die Drittklässler der Auricher Finkenburgschule, die sich um sie scharten wie die Küken um die Henne, wenn sie ihnen die Welt außerhalb ihres Nestes zeigt.

Des Zimmertheaters zweiter Akt begann – nix war mit ‚dösend auf die Landeshauptstadt zurattern’ – der Vorhang der Bühne Zugabteil hob sich erneut zur nächsten Vorstellung. Diesmal waren die Akteure nur keine ‚plattschnakkenden’ Jungmanager aus meiner heimlichen Herzbluthauptstadt, sondern kräftig sprießende Schachgenies – vielleicht kommende Großmeister der Zunft – die in ihrem noch wahrlich jungen Alter schon  beachtliche Ehren im königlichen Spiel errungen hatten.

Das wohltuende aufgeweckte Verhalten der Nachwuchsostfriesen um mich herum hatte mich plötzlich um 58 Jahre in meiner Erinnerung zurückbefördert – direktemang in den Zug der damaligen ‚Wilhelmshavener Vorortbahn’ auf dem ersten und wahrscheinlich auch einzigen gemeinsamen Ausflug aller Kinder und Eltern unserer Schule im Wilhelmshavener Stadtnorden - in einem ellenlangen Zug, bestehend aus 19 Eisenbahnwagen und zwei fauchenden Dampflokomotiven - vom Bahnhof Voslapp aus über Sande und Varel nach Neuenburg in die unmittelbare Nähe des gleichnamigen Urwaldes. Ich weiß nicht, wie viele Köpfe es insgesamt waren – ich weiß nur, das ‚zählen der Flöhe’  hat den Betreuenden damals mit Sicherheit sehr viel mehr Zeit abgefordert.

Als die Stimme aus den Innenlautsprechern des Zuges „Hannover – der Zug endet  hier“ verkündete, befand ich mich gedanklich noch im schnaufenden Werftblitz der Vorortbahn der 50er Jahre irgendwo in der friesischen Wehde.

Da stand ich nach dem verlassen des Zuges auf  Bahnsteig elf des Hauptbahnhofes der Niedersachsenmetropole mit dem Kleeblatt im Wappen - und war, ob der trotz der Menschenmassen mich umgebenden Kühle, ein wenig enttäuscht. Auf den Bahnhöfen vergleichbarer Städte hatte ich bei aller Fremdheit immer gleich die Wärme des Miteinanders gespürt. Das Gefühl vermisste ich diesmal völlig. Selbst die Bilder aus der Vergangenheit, die ich aus meinem Gedächtnis kramte und zu Rate zog, halfen mir nicht – ich war trotz eigentlicher Wiederkehr an einem mir fremden Ort gelandet. Nichts war mehr so wie es einst gewesen – nur die abweisende Kühle und Reserviertheit der Bevölkerung war geblieben, war über die Jahrzehnte noch intensiver geworden.

Der mir aus der Erinnerung heraus vertraute Bahnhofsvorplatz, der Kröpke, der Äegi … so wie ich diese Orte kannte – nichts war mehr so wie es einmal war. Es war alles kalt und unnahbar – einfach steril und ohne Leben – ohne wirkliches Leben. Menschen wuselten zwar zwischen Prunk und Protz in großer Zahl hin und her, es spielten zwar Straßenmusikanten in den Passagen, Obdachlose füllten sich und den Tag um sich herum mit Fusel und Wermut, Schickimickitanten waren auf ‚Shoppingtour’, geschniegelte Manager eilten durch die Frühlingsluft … es war all das vorhanden, was Metropole ausmacht – es hätten aber ebenso gut Puppen sein können, die oftmals emotionaler und ausdrucksstärker in den Tag blicken. Da sich das Bild gegenüber dem aus meiner Erinnerung  völlig verändert hatte, sah ich mich genötigt, vorübereilende ortskundige Passanten um Auskunft zu bitten. Die Erfahrung, die ich damit machte, die hätte ich mir besser erspart. Von sieben von mir angesprochenen Personen sagten mir zwei, es täte ihnen leid, sie wären nicht ortskundig. Fünf mal wurde ich auf meine Frage hin von dem jeweiligen Gegenüber bloß angeschaut, als ob ich ihm gerade eine faule Aktie von den Lehmann Brüdern unterjubeln wollte – man würdigte mich nicht einmal eines zweiten Blickes.

Hoffnung keimte in mir auf, als ich im weiten Rund der belebten Öde  des Bahnhofsvorplatzes einen grauen Klotz entdeckte, an dem in großen Lettern der Schriftzug ‚TICKET-POINT Üstra’ prangte.

Die Bezeichnung einer Fahrkartenverkaufsstelle als Ticket-Point fand ich zwar befremdlich in einer norddeutschen Provinzhauptstadt, sah es den Hannoveraner Verkehrsfürsten aber irgendwie nach. Auf diese Weise wollte man vielleicht versuchen, die Thronfolgerechte des adeligen Rüpels Ernst August auf die britische Krone öffentlichkeitswirksam kundzutun. Obwohl Platz 451 auf der Liste der potentiellen Thronanwärter ja wohl mehr unter ferner liefen einzuordnen ist.

Der Zusatz ‚ÜSTRA’ sagte mir immerhin noch etwas – Üstra hießen die Hannoveraner Verkehrsbetriebe schon vor Jahrzehnten, als die Busse noch holzgasbetrieben und hartgummibereift waren.

Vor dem Kubus Fahrkartenschalter hatte sich eine lange Menschenschlange gebildet – alle standen um Billets an. Da hatte ich mit meinem Wunsch nach ‚nur Auskunft’ natürlich schlechte Karten. Bis ich da an der Reihe sein würde, wäre mein Termin beim Gutachter schon gestern – weil, Leute mit Kartenwunsch hatten Vorrang.

Ein auch gerade aus der Provinz hereingeschneiter junger Mann, der wohl meine Verzweiflung ahnte – vielleicht war sie mir auch ins Gesicht geschrieben, gab mir dann den Hinweis auf einen Service-Punkt der Deutschen Bahn in der Bahnhofshalle, der mit Bahnpersonal besetzt sei, und wo man mir sicher weiterhelfen würde.

Ich hätte diesen Engel als meinen Retter in der Not am liebsten geküsst, aber das hätte auch wohl wieder die Missbilligung der Hannoveraner erfahren. In Berlin und Hamburg ist man da ja offensichtlich toleranter, was brüderliche Wärme anbelangt. Das war aber ja in diesem Augenblick überhaupt nicht mein Problem – mein Problem war, wie gelange ich in der nächsten halben Stunde zu meinem Termin, ohne vorher noch eine gepfefferte Droschkenrechnung begleichen zu müssen. Diese Hoffnung hoffte ich nun bald in Erfüllung gehen zu sehen. Also wieder zurück in die Bahnhofshalle – eine gute altdeutsche Landmeile hatte ich in der Zeit seit meiner Ankunft auf Gleis elf in dem begrenzten Karree wohl schon zurückgelegt.

Der Service-Punkt der Deutschen Bahn gleich Eingangs der weitläufigen Halle war nicht zu übersehen. Hoch gebaut ähnelte es dem Podium eines höhergestellten Gerichts – und genauso thronten auch die uniformierten Mitarbeiter der Bahn über den Köpfen der rat- und hilfesuchenden Passanten. Vor der Barriere aus edlem Holz  war Gott sei dank nichts los – die blauen Männer auf dem Podium hinter dem Tresen nutzen die Leerzeit um mit ihren Kolleginnen herumzuschäkern. Der in der Mitte thronende Auskunftsbeamte schien mir kompetent und tonangebend zu sein (so wie bei Gericht auch), deshalb viel meine Wahl eines Ansprechpartners auf ihn.

Mein freundlicher Gruß und meine einfach und präzis formulierte Bitte um Hilfe hatten gerade seine Gehörgänge durcheilt, da vergaß der von mir angesprochene Bahnbedienstete die Tändelei mit der Kollegin und stürzte sich wie Bussard auf mich, den Störenfried, der sich erdreistete seine Spielchen zu stören.

Mein Auskunftsbegehren sollte ich gefälligst in der Touristeninformation da hinten irgendwo außerhalb des Bahnhofes vortragen, die Leute von der Stadt wären dafür da sich um Touris zu kümmern -  und ob ich nicht wüsste, dass die Besetzung des Service-Punktes nur Auskunft in Bundesbahnangelegenheiten erteilen würde.

Den Kollegen des so unwirsch reagierenden Auskünftlers und den umstehenden Passanten hatte es, nach deren Mienen zu urteilen, wohl irgendwie die Sprache verschlagen. Nachdem ich ihn als erste Reaktion in eine wenig schmeichelhafte Kategorie von Körperteilen eingeordnet hatte, konnte ich mir eine zweite Frage denn nicht verkneifen. Ich musste den liebenswerten Bahnmitarbeiter doch noch fragen, ob er die Antwort auf meine Frage nicht wissee, oder ob er mir nur nicht antworten wolle. Auf diese meine Frage bekam ich bezeichnenderweise als spontane Antwort: „Ich will es nicht.“

Nach weiteren Irrungen und Wirrungen und vergeblicher Ausschau nach einem Angehörigen der guten alten Bahnpolizei erbarmte sich meiner eine junge Frau in meinem Alter und geleitete mich durch einen unterirdischen Irrgarten einige Etagen in die Tiefe zu den U-Bahnsteigen. Zumindest konnte sie mir den Aussteigepunkt für mein Ziel benennen, verbunden mit dem Rat, in der nahe liegenden Geibel-Apotheke nachzufragen. Dieser Rat war goldeswert und richtig. Obwohl ich kein zahlender Kunde, schenkte mir der Apotheker seine ungeteilte Aufmerksamkeit und erklärte mir bereitwillig und äußerst freundlich den weiteren Weg zu besagtem Gutachter.

Nachdem der Sachverständige mich entlassen hatte, benötigte ich für den Weg zurück zum Bahnhof keine Hilfe mehr.

Am Bahnhof angekommen hatte ich dann die Wahl einen sofort abfahrenden Intercityexpress für die Rückfahrt zu nehmen, oder aber eineinhalb Stunden auf die Abfahrt des nächsten Regionalexpress nach Oldenburg zu warten. Das heißt – ich hatte im Grunde keine Wahl, weil ich mich am Morgen ja für einen Normalbürgerfahrschein entschieden hatte. Ich beschloss blitzschnell nicht zu warten, sondern stattdessen in den sauren Apfel ‚Zuschlagzahlung’ zu beissen, und enterte den wesentlich schnelleren ICE. Insgeheim trauerte ich allerdings mit einem weinenden Auge schon den zehn Euro hinterher, die mich der Spaß kosten würde. Aber, dachte ich sogleich – abgehakt. Zwischen Wulmstorf und Nienburg nahte der Fahrkartenkontrolleur um die Fahrscheine der zugestiegenen Reisenden zu entwerten. Ich reichte dem freundlich Herrn in Blau mein Billett mit der Anmerkung, den ICE-Zuschlag bei ihm nachlösen zu müssen. Mit einem Lächeln um die Augen und mit der Bemerkung: „Lass’ man stecken“ reichte er mir meine entwertete Fahrkarte zurück.

Diese kleine Geste eines einfachen Schaffners des Moloches Bahn hat bewirkt, dass mir der Glaube an die Fähigkeit zu menschlichem Umgang in unserem Lande nicht völlig verloren gegangen ist.

 

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